Die Bürgschaft

Friedrich von Schiller

1798

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande; ihn schlugen die Häscher in Bande. “Was wolltest Du mit dem Dolche, sprich!” entgegnet ihm finster der Wüterich. “Die Stadt vom Tyrannen befreien!” “Das sollst Du am Kreuze bereuen.”

“Ich bin”, spricht jener, “zum Sterben bereit und bitte nicht um mein Leben: Doch willst du Gnade mir geben, Ich flehe dich um drei Tage Zeit, bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.”

Da lächelt der König mit arger List und spricht nach kurzem Bedenken: “Drei Tage will ich Dir schenken; doch wisse: wenn sie verstrichen die Frist, eh’ du zurück mir gegeben bist, so muß er statt deiner erblassen, doch dir ist die Strafe erlassen.”

Und er kommt zum Freunde: “Der König gebeut, daß ich am Kreuz mit dem Leben bezahle das frevelnde Streben. Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit, bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; So bleib’ du dem König zum Pfande, bis ich komme, zu lösen die Bande.”

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund und liefert sich aus dem Tyrannen, der andere ziehet von dannen. Und ehe das dritte Morgenrot scheint, hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint, eilt heim mit sorgender Seele, damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab, von den Bergen stürzen die Quellen, und die Bäche, die Ströme schwellen, und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab; da reißet die Brücke der Strudel hinab. Und donnernd sprengen die Wogen des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand; und wie weit er auch spähet und blicket und die Stimme, die rufende schicket, da stößt kein Nachen vom sicheren Strand, der ihn setzte an das gewünschte Land, kein Schiffer lenket die Fähre und der wilde Strom wird zum Meer.

Da er sinkt ans Ufer und weint und fleht, die Hände zum Zeus erhoben: “Oh hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag steht die Sonne, und wenn sie niedergeht, und ich kann die Stadt nicht erreichen, so muß der Freund mir erbleichen.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut, und Welle auf Welle zerrinnet, und Stunde an Stunde entrinnet. Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut und wirft sich hinein in die brausende Flut und teilt mit gewaltigen Armen den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort und danket dem rettenden Gotte; da stürzet die raubende Rotte hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord und hemmet des Wanderers Eile mit drohend geschwungener Keule.

“Was wollt ihr?” ruft er vor Schrecken bleich, “Ich habe nichts als mein Leben, das muß ich dem Könige geben!” Und entreißt die Keule dem nächsten gleich: “Um des Freundes willen, erbarmet euch!” und drei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand, und von der unendlichen Mühe ermattet, sinken die Knie. “Oh hast Du mich gnädig aus Räubershand, aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, und soll hier verschmachtend verderben und der Freund mir, der liebende, sterben!”

Und horch! Da sprudelt es silberhell, ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, und stille hält er zu lauschen. Und sieh, aus dem Felsen geschwätzig, schnell springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, und freudig bückt er sich nieder und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün und malt auf den glänzenden Matten der Bäume gigantische Schatten. Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn, will eilenden Laufes vorüber fliehn, da hört er die Worte sie sagen: “Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß, ihn jagen der Sorge Qualen, da schimmern in Abendrots Strahlen von ferne die Zinnen von Syrakus, und entgegen kommt ihm Philostratus, des Hauses redlicher Hüter, der erkennet entsetzt den Gebieter:

“Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr, so rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet’ er mit hoffender Seele der Wiederkehr. Ihm konnte den mutigen Glauben der Hohn des Tyrannen nicht rauben.”

“Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht ein Retter willkommen erscheinen, so soll mich der Tod ihm vereinen. Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht, daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, er schlachte der Opfer zweie und glaube an Liebe und Treue!”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor Und sieht das Kreuz schon erhöhet, das die Menge gaffend umstehet. An dem Seile schon zieht man den Freund empor; da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: “Mich, Henker”, ruft er, “erwürget! Hier bin ich, für den er gebürget!”

Und Erstaunen ergreift das Volk umher, In den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerzen und Freude. Da sieht man kein Auge tränenleer, und zum König bringt man die Wundermär’, der fühlt ein menschliches Rühren, läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an, drauf spricht er: “Es ist euch gelungen, ihr habt das Herz mir bezwungen. Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. So nehmt auch mich zum Genossen an. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte.”

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Illustration zu Die Bürgschaft

Interpretation

Das Gedicht "Die Bürgschaft" von Friedrich von Schiller erzählt die dramatische Geschichte von Damon und Pythias, zwei Freunden, die durch ihre tiefe Verbundenheit und Treue zueinander eine außergewöhnliche Probe bestehen. Die Handlung beginnt damit, dass Damon, ein Gegner des Tyrannen Dionys, bei einem Anschlag auf das Leben des Herrschers erwischt wird. Anstatt um Gnade zu bitten, bittet er um drei Tage Aufschub, um die Hochzeit seiner Schwester zu arrangieren, und bietet seinen Freund Pythias als Bürgen an. Der Tyrann stimmt zu, jedoch unter der Bedingung, dass Pythias an Damons Stelle hingerichtet wird, sollte dieser nicht rechtzeitig zurückkehren. Während Damon auf seiner Reise zahlreiche Hindernisse überwinden muss – von einer durch Regen verwandelten Landschaft bis hin zu Räubern und seiner eigenen Erschöpfung – wartet Pythias im Kerker auf sein Schicksal. Trotz der Härte der Situation und der Zweifel, die sich einschleichen, bleibt Pythias standhaft in seinem Glauben an die Freundschaft und die Rückkehr Damons. Die Spannung steigt bis zum Höhepunkt, als Damon gerade noch rechtzeitig zurückkehrt, um Pythias vor dem sicheren Tod zu bewahren. Die Rückkehr Damons und die darauffolgende emotionale Wiedervereinigung mit Pythias bewegen sogar den Tyrannen Dionys, der von der Tiefe der Freundschaft und Treue der beiden Männer berührt wird. Am Ende des Gedichts bietet Dionys an, selbst Teil ihrer Freundschaft zu werden, was die transformative Kraft von Loyalität und Selbstlosigkeit unterstreicht. Schillers Werk feiert die Ideale der Freundschaft, des Vertrauens und der Opferbereitschaft und zeigt, wie diese Werte selbst den härtesten Herzen gegenüberstehen können.

Schlüsselwörter

freund tyrannen leben drei könig ans kein sonne

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Von den Bergen stürzen die Quellen
Anapher
Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht ein Retter willkommen erscheinen, so soll mich der Tod ihm vereinen.
Bildsprache
Und sieh, aus dem Felsen geschwätzig, schnell springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell
Enjambement
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande
Hyperbel
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn
Kontrast
Die Stadt vom Tyrannen befreien
Metapher
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande
Personifikation
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Rhetorische Frage
Was wolltest Du mit dem Dolche, sprich!