Die Brück' am Tay

Theodor Fontane

1905

“Wann treffen wir drei wieder zusamm’?” “Um die siebente Stund’, am Brückendamm.” “Am Mittelpfeiler.” “Ich lösche die Flamm’.” “Ich mit.” “Ich komme vom Norden her.” “Und ich von Süden.” “Und ich vom Meer.” “Hei, das gibt ein Ringelreihn, Und die Brücke muß in den Grund hinein.” “Und der Zug, der in die Brücke tritt Um die siebente Stund’?” “Ei der muß mit.” “Muß mit.” “Tand, Tand, Ist das Gebilde von Menschenhand.”

Auf der Norderseite, das Brückenhaus - Alle Fenster sehen nach Süden aus, Und die Brücknersleut’, ohne Rast und Ruh Und in Bangen sehen nach Süden zu, Sehen und warten, ob nicht ein Licht Übers Wasser hin “ich komme” spricht, “Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug, Ich, der Edinburger Zug.”

Und der Brückner jetzt: “Ich seh einen Schein Am anderen Ufer. Das muß er sein. Nun Mutter, weg mit dem bangen Traum, Unser Johnnie kommt und will seinen Baum, Und was noch am Baume von Lichtern ist, Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ, Der will heuer zweimal mit uns sein, - Und in elf Minuten ist er herein.”

Und es war der Zug. Am Süderturm Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm, Und Johnnie spricht: “Die Brücke noch! Aber was tut es, wir zwingen es doch. Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, Die bleiben Sieger in solchem Kampf, Und wie’s auch rast und ringt und rennt, Wir kriegen es unter: das Element.”

“Und unser Stolz ist unsre Brück’; Ich lache, denk ich an früher zurück, An all den Jammer und all die Not Mit dem elend alten Schifferboot; Wie manche liebe Christfestnacht Hab ich im Fährhaus zugebracht, Und sah unsrer Fenster lichten Schein, Und zählte, und konnte nicht drüben sein.”

Auf der Norderseite, das Brückenhaus - Alle Fenster sehen nach Süden aus, Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh Und in Bangen sehen nach Süden zu; Denn wütender wurde der Winde Spiel, Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’, Erglüht es in niederschießender Pracht Überm Wasser unten … Und wieder ist Nacht.

“Wann treffen wir drei wieder zusamm’?” “Um Mitternacht, am Bergeskamm.” “Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.” “Ich komme.” “Ich mit.” “Ich nenn euch die Zahl.” “Und ich die Namen.” “Und ich die Qual.” “Hei! Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.” “Tand, Tand, Ist das Gebilde von Menschenhand.”

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Illustration zu Die Brück' am Tay

Interpretation

Das Gedicht "Die Brück' am Tay" von Theodor Fontane handelt von einer tragischen Zugkatastrophe auf der Tay-Brücke in Schottland. Das Gedicht ist in drei Teile gegliedert, die sich um die geheimnisvollen drei Gestalten drehen, die sich vor der Katastrophe treffen und danach wieder zusammenkommen. Im ersten Teil treffen sich drei Gestalten am Brückendamm zur siebten Stunde. Sie kommen aus verschiedenen Himmelsrichtungen und beschließen, die Brücke zum Einsturz zu bringen. Ein Zug nähert sich, der ebenfalls in die Katastrophe verwickelt wird. Die Gestalten sprechen davon, dass das Werk der Menschenhand nur "Tand" ist. Im zweiten Teil geht es um die Familie Brückner, die auf der Norderseite der Brücke wohnt und auf den Edinburger Zug wartet. Die Brückners glauben, dass ihr Sohn Johnnie mit dem Zug kommt und zünden die Lichter an. Der Zug nähert sich, und Johnnie ist zuversichtlich, dass die Brücke den Sturm aushalten wird. Im dritten Teil wird die Katastrophe beschrieben. Der Sturm wird immer heftiger, und plötzlich bricht die Brücke zusammen. Die drei Gestalten treffen sich erneut, diesmal am Bergeskamm zur Mitternacht. Sie nennen sich gegenseitig Zahlen, Namen und Qualen. Die Brücke ist in Splitter zerbrochen, und die Gestalten sprechen erneut davon, dass das Werk der Menschenhand nur "Tand" ist. Das Gedicht beschreibt auf eindringliche Weise die Tragik der Tay-Brücken-Katastrophe und die Vergänglichkeit menschlicher Errungenschaften. Die geheimnisvollen drei Gestalten könnten als Verkörperung des Schicksals oder der Naturgewalten interpretiert werden, die den menschlichen Stolz und die Überheblichkeit demütigen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Wann treffen wir drei wieder zusamm'?
Chiasmus
Ich komme vom Norden her. / Und ich von Süden. / Und ich vom Meer.
Direkte Rede
Wann treffen wir drei wieder zusamm'?
Enjambement
Und die Brücke muß in den Grund hinein. / "Und der Zug, der in die Brücke tritt
Metapher
ein doppelter Dampf
Personifikation
Und es war der Zug.
Repetitio
Muß mit.
Symbolik
Brücke
Triologe
Ich komme vom Norden her. / Und ich von Süden. / Und ich vom Meer.