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Die Bosheiten der Stadt

Von

Crispus kauft und baut Palläste,
Lebet herrlich, groß und reich;
Hält Maitressen, feyert Feste,
Und traktirt den Fürsten gleich:
Dennoch sagt die karge Stadt,
Daß er nicht viel übrig hat.

Mops zählt seinen Eheseegen
Uns in funfzehn Kindern her;
Und man rühmet allerwegen,
Daß sie klüger sind, als Er:
Dennoch sagt die böse Stadt,
Daß er sich verzählet hat.

Agnes schlägt die Augen nieder,
Hasset Tanz, Musik und Spiel,
Singet stets Bekehrungslieder,
Und hält auf den Cubach viel:
Doch sagt die verbuhlte Stadt,
Daß sie Fleisch und Blut noch hat.

Ueberall verfolgt Selinden
Ein gepudert Stutzerheer;
Jeden weis sie zu entzünden,
Und ihr wird kein Sieg zu schwer:
Dennoch sagt die höhnsche Stadt,
Daß sie keine Freyer hat.

Stax beweist aus vielen Fällen
Seinen göttlichen Verstand,
Und aus seinen Ehrenstellen
Sein Verdienst ums Vaterland:
Doch sagt die vermeßne Stadt,
Daß er keins von beyden hat.

Mit dem vollen Federhute
Prangt der güldne Gänserich,
Und von seinem edlen Blute
Ueberzeugt sein Wappen mich:
Dennoch sagt die plumpe Stadt,
Daß kein Kutscher Ahnen hat.

Crantor richtet alle Sachen
Nach der strengsten Billigkeit,
Und man wird ihn böse machen,
Wenn man ihm Geschenke beut:
Doch sagt die verwegne Stadt,
Daß er sie betrogen hat.

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Gedicht: Die Bosheiten der Stadt von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Bosheiten der Stadt“ von Christian Felix Weiße ist eine satirische Betrachtung über das menschliche Urteilsvermögen und die Widersprüchlichkeiten der öffentlichen Meinung. Es präsentiert eine Reihe von Charakteren, die alle – trotz ihrer individuellen Eigenschaften und Handlungen – von der anonymen „Stadt“ verunglimpft werden. Die Stadt dient hier als Personifizierung der Gesellschaft, die ihre Urteile auf oberflächlichen Wahrnehmungen und Klatsch basieren lässt, anstatt die Tatsachen zu berücksichtigen.

Die einzelnen Strophen folgen einem ähnlichen Muster: Zuerst wird eine positive oder zumindest neutrale Eigenschaft bzw. Handlung des Charakters beschrieben (Crispus‘ Reichtum und Lebensstil, Mops‘ Kinderreichtum, Agnes‘ Frömmigkeit, Selindens Verehrung durch Verehrer, Stax‘ Verstand, der Gänserichs Adel, Crantors Ehrlichkeit). Dann folgt der abschließende, negative Kommentar der Stadt, der diese Eigenschaften ins Lächerliche zieht oder direkt in Frage stellt. Dieses Muster wird durchgehend verwendet, um die Willkür und Bosheit der Stadt zu demonstrieren.

Die Verwendung von Reimschema und einem vergleichsweise einfachen Sprachstil verleiht dem Gedicht eine gewisse Leichtigkeit, die jedoch im starken Kontrast zu der bitteren Kritik an der Gesellschaft steht. Die Reime verstärken den satirischen Effekt und machen die Kritik einprägsam. Weiße nutzt eine Reihe von rhetorischen Figuren, um seine Botschaft zu verstärken. Dazu gehören die Ironie, die in der Diskrepanz zwischen dem, was die Charaktere tun oder sind, und dem, was die Stadt über sie behauptet, liegt; und die Übertreibung, die in den radikalen Urteilen der Stadt deutlich wird.

Das Gedicht ist mehr als nur eine bloße Anklage. Es wirft Fragen nach der Natur der Wahrheit, der Bedeutung des gesellschaftlichen Ansehens und der menschlichen Neigung zum Urteilen auf. Indem Weiße die Widersprüchlichkeiten und Vorurteile der Gesellschaft kritisiert, regt er den Leser dazu an, seine eigenen Urteile zu hinterfragen und die Welt differenzierter zu betrachten. Die Botschaft ist zeitlos und bleibt auch heute noch relevant, da die menschliche Neigung zu vorschnellen Urteilen und die Macht der öffentlichen Meinung weiterhin präsent sind.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.