Die Bosheiten der Stadt

Christian Felix Weiße

1804

Crispus kauft und baut Palläste, Lebet herrlich, groß und reich; Hält Maitressen, feyert Feste, Und traktirt den Fürsten gleich: Dennoch sagt die karge Stadt, Daß er nicht viel übrig hat.

Mops zählt seinen Eheseegen Uns in funfzehn Kindern her; Und man rühmet allerwegen, Daß sie klüger sind, als Er: Dennoch sagt die böse Stadt, Daß er sich verzählet hat.

Agnes schlägt die Augen nieder, Hasset Tanz, Musik und Spiel, Singet stets Bekehrungslieder, Und hält auf den Cubach viel: Doch sagt die verbuhlte Stadt, Daß sie Fleisch und Blut noch hat.

Ueberall verfolgt Selinden Ein gepudert Stutzerheer; Jeden weis sie zu entzünden, Und ihr wird kein Sieg zu schwer: Dennoch sagt die höhnsche Stadt, Daß sie keine Freyer hat.

Stax beweist aus vielen Fällen Seinen göttlichen Verstand, Und aus seinen Ehrenstellen Sein Verdienst ums Vaterland: Doch sagt die vermeßne Stadt, Daß er keins von beyden hat.

Mit dem vollen Federhute Prangt der güldne Gänserich, Und von seinem edlen Blute Ueberzeugt sein Wappen mich: Dennoch sagt die plumpe Stadt, Daß kein Kutscher Ahnen hat.

Crantor richtet alle Sachen Nach der strengsten Billigkeit, Und man wird ihn böse machen, Wenn man ihm Geschenke beut: Doch sagt die verwegne Stadt, Daß er sie betrogen hat.

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Illustration zu Die Bosheiten der Stadt

Interpretation

Das Gedicht "Die Bosheiten der Stadt" von Christian Felix Weiße kritisiert die Gerüchteküche und das hinterhältige Gerede in der Stadtgesellschaft. Es werden verschiedene Personen vorgestellt, die jeweils von der Stadt in ein schlechtes Licht gerückt werden, obwohl sie eigentlich positive Eigenschaften oder Taten vorweisen können. Im ersten Teil des Gedichts wird Crispus beschrieben, der durch seinen Reichtum und seinen luxuriösen Lebensstil auffällt. Trotz seiner offensichtlichen Prosperität behauptet die "karge Stadt", dass er nicht viel übrig habe. Mops hingegen wird als Vater von fünfzehn Kindern dargestellt, die als besonders klug gelten. Doch die "böse Stadt" behauptet, dass er sich verzählt habe. Agnes wird als fromme und enthaltsame Frau beschrieben, die Tanz, Musik und Spiel verachtet. Trotz ihrer offensichtlichen Tugendhaftigkeit behauptet die "verbohlte Stadt", dass sie noch Fleisch und Blut habe, was auf verborgene Laster hindeutet. Der zweite Teil des Gedichts setzt sich mit weiteren Personen fort, die von der Stadt verleumdet werden. Selinden wird als verführerisch und erfolgreich bei Männern beschrieben, doch die "höhnische Stadt" behauptet, dass sie keine Freier habe. Stax wird als klug und verdienstvoll dargestellt, aber die "vermessene Stadt" behauptet, dass er keines von beidem habe. Der "güldne Gänserich" mit seinem prächtigen Federbusch und edlen Wappen wird von der "plumpen Stadt" als einfacher Kutscher bezeichnet, der keine Ahnen habe. Schließlich wird Crantor als gerechter und ehrlicher Richter beschrieben, der keine Geschenke annimmt, aber die "verwegene Stadt" behauptet, dass er die Leute betrüge. Insgesamt verdeutlicht das Gedicht, wie leichtfertig und boshaft die Menschen in der Stadt über ihre Mitmenschen urteilen und Gerüchte verbreiten, ohne die Wahrheit zu kennen oder zu berücksichtigen. Weiße kritisiert die Oberflächlichkeit und die Neigung zur Verleumdung in der Gesellschaft und fordert den Leser auf, nicht so schnell zu urteilen und die Wahrheit zu suchen, anstatt sich von Gerüchten leiten zu lassen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Ironie
Doch sagt die verwegne Stadt, Daß er sie betrogen hat.