Einst fiel dem Löwen ein, es wäre
Doch gegen eines Königs Ehre
Und gegen das Jus publicum,
Daß er sich selbst sein Futter schaffe.
Sein weises Ministerium,
Der Fuchs, der Büffel und der Affe,
Trat des Monarchen Meynung bey.
Sogleich gebot er allen Thieren,
Ihm einen Schoß von Korn und Heu
Und Wildpret jährlich abzuführen.
Der Esel mußte das Edict,
Als Wappenherold bunt geschmückt,
An allen Ecken ausposaunen.
Das Volk vernahm es mit Erstaunen:
Es drang sich in Proceßion,
Wie dort in Vater Noahs Kasten,
Vereint vor des Monarchen Thron
Und wollte von den neuen Lasten
Befreyet seyn. Der Elephant
Sprach männlich als Repräsentant:
Wie, Herr, was konnte dich bewegen,
Uns diese Steuer aufzulegen?
Schweig, fiel ihm der Despot hier ein,
Uns Könige darf Zevs allein
Zur Rechnung ziehen. Loser Spötter!
Versetzt der Bär, erst gestern noch
Sprachst du, es gäbe keine Götter.
Nun ward man laut. Der Menge kroch
Das Ding zu Kopfe. Schließlich machte
Das Volk mit reifem Vorbedachte
Die Bill: daß, weil ein Großsultan
Den höchsten Richter unsrer Thaten
Verachten oder läugnen kann,
Man vor der Hand den Autokraten
Verpflichten soll, der Nation
Von seiner Wirtschaft auf dem Thron,
Mit unter auch von seinem Leben
Genaue Rechenschaft zu geben.
Die Bill
Mehr zu diesem Gedicht
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Die Bill“ von Gottlieb Konrad Pfeffel ist eine satirische Fabel, die sich mit der Machtausübung von Herrschern und dem Widerstand des Volkes gegen ungerechte Gesetze auseinandersetzt. Es präsentiert die Geschichte eines Löwen, der beschließt, seine Selbstversorgung aufzugeben und stattdessen von seinen Untertanen Abgaben zu fordern. Diese Entscheidung, die durch die Zustimmung seiner „weisen“ Minister – Fuchs, Büffel und Affe – legitimiert wird, führt zu Unmut und schließlich zu einer Revolution.
Die Struktur des Gedichts folgt dem Aufbau einer Fabel: Ein Herrscher erlässt ein Gesetz, das Volk rebelliert und versucht, die Ungerechtigkeit anzuprangern. Die Tiere versammeln sich am Thron des Löwen, um gegen die neuen Steuern zu protestieren. Der Elefant, als „Repräsentant“ des Volkes, wagt es, den Löwen zur Rede zu stellen. Doch der Löwe, der sich als unantastbar ansieht, weist die Kritik mit einem zynischen „Schweig“ zurück. Dies eskaliert die Situation, und es kommt zum offenen Aufruhr. Das Gedicht zeigt die Mechanismen von Machtmissbrauch, die Arroganz der Herrschenden und die Unterdrückung des Volkes.
Die Sprache Pfeffels ist von Ironie und beißendem Spott geprägt. Er nutzt die allegorischen Figuren der Tiere, um menschliche Eigenschaften und politische Verhältnisse zu karikieren. Der Löwe, der als König dargestellt wird, verkörpert die Tyrannei und die Selbstherrlichkeit. Die Minister stehen für die Komplizenschaft und die Korruption in der Regierung. Das Volk, repräsentiert durch verschiedene Tiere wie Elefanten und Bären, symbolisiert das unterdrückte und ausgebeutete Volk. Die ironische Anspielung auf Zeus und das Verleugnen von Göttern zeigen die Heuchelei und den Opportunismus der Herrschenden, die ihre Macht nicht durch ethische Werte, sondern durch ihre unangefochtene Position legitimieren.
Das Ende des Gedichts ist von besonderer Bedeutung. Das Volk, angetrieben von der Ungerechtigkeit und dem Wunsch nach Freiheit, entwirft eine „Bill“. Diese Bill, also ein Gesetzentwurf, verlangt vom Herrscher Rechenschaft über seine Amtsführung und sein Leben. Hier wird die zentrale Botschaft des Gedichts deutlich: Das Volk beansprucht das Recht auf Kontrolle und fordert Transparenz von der Regierung. Pfeffel positioniert sich deutlich gegen despotische Herrschaft und plädiert für eine Gesellschaft, in der Macht durch Rechenschaftspflicht und die Partizipation der Bürger begrenzt wird.
Das Gedicht ist somit nicht nur eine humorvolle Satire, sondern auch ein politisches Statement, das die Ideale der Aufklärung widerspiegelt. Es prangert die Tyrannei an, verteidigt das Recht auf Widerstand und fordert eine verantwortungsvolle Regierung. Pfeffel verwendet die Form der Fabel, um seine Kritik auf eine zugängliche und einprägsame Weise zu verpacken, und macht „Die Bill“ zu einem wirkungsvollen Appell für Freiheit und Gerechtigkeit.
Weitere Informationen
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
