Die Bildsäule Karls des Großen

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Steigst du aus der Gruft, Erhabner? Von der Erdengeister Haft Hat dein abgrundtief-begrabner Heldenleib sich aufgerafft?

Wo dich band des klugen Zwerges Leisgeraunter Zauberspruch, In der Kluft des Odenberges Schlummertest du lang genug;

Senktest auf dem Stuhl von Erze Deine Stirne, träumeschwer, Und das Licht der Grubenkerze Goß sich flimmernd um dich her.

Aber als die Frist verronnen, Wie ein Erdstoß da erscholl′s, In den Erz- und Feuerbronnen, In den Wasseradern schwoll′s;

Und beim Ruf, der mit dem Stoße Schütterte den Erdenball, Dröhnte: »Wo ist Karl der Große?« Hundertfach der Wiederhall.

Da erstandest du, Gewaltiger, Sprengtest die granitne Thür; Ein Jahrtausend hing als faltiger Mantel um die Schultern dir;

Und ein steingewordner Schatte, Deine Seele selber Stein, Trittst du auf die Marmorplatte, Neu bei deinem Volk zu sein.

Sprich, was runzelst du die Brauen? Freut das Morgenrot dich nicht, Welches deinen deutschen Gauen Hoffnungsreich durch Wolken bricht?

Siehst du nicht mit Stolz das Wappen, Das dein ein′ges Deutschland schmückt, Seit in sechsunddreißig Lappen Wir dein Purpurkleid zerstückt?

Nicht den Dom, wo edelmütigst Wir die Fahne abgesteckt, Und der Gallierhahn uns gütigst Basiliskeneier heckt?

Nicht die Wälder, wo der Gimpel Seine Hoffnungslieder pfeift, Und der Mastbaum für die Wimpel Unsrer deutschen Flotte reift?

Nein, den Blick verhülle, Mächtiger! Nicht für dich ist dieser Tag! Mag ein Schleier dir, ein nächtiger, Uns entziehn und unsre Schmach!

Schlaf in diesem immer wüsteren Leben, das die Nachwelt lebt, Nur erwachend, wenn mit düsteren Nebeln sie die Nacht begräbt!

Dann, wenn Donner um dich wettert, Wenn der Sturmwind dich umfliegt, Und der Blitz, der sonst zerschmettert, Sich auf deiner Stirne wiegt,

Schau hinab zu deinem Reiche, Das sich weithin, endlos zieht, Wie die Gegenwart die bleiche Große Vorzeit dämmern sieht!

Durch die Fläche schleicht ein Glimmen Wie ein blasses Meteor; Fernher tönen dumpfe Stimmen, Kaum vernehmbar an dein Ohr.

Lauter dann, gleich Geisterrufen, Hallt es aus dem Erdenschoß, Wie Gestampf von eh′rnen Hufen Dröhnt′s und wie Drommetenstoß.

Ist′s das Wogen ferner Meere, Das an fels′ge Küsten schlägt? Sind′s die Schemen deiner Heere, Die der Sturmwind peitscht und fegt?

Ja, sie steigen, die Erwachten, Aus der Gruft, wo hingestreckt Sie den Staub von hundert Schlachten Ueber ihren Pfühl gedeckt.

Toderstandne, bleiche Gruppen, Nahn sie sich im luft′gen Tanz, Ihre eh′rnen Panzerschuppen Blinken matt im Mondenglanz.

Schleuderer und Bogenspanner, Eiserne von Isenland, Knappen mit dem heil′gen Banner Und dem Horne Olifant,

Ritter, die der Saracenen, Die des Nordmanns Heere sahn, Ziehn auf Rossen, schwarz von Mähnen, Zu dir her die nächt′ge Bahn.

Aber du aus dicht sich ballenden Nebeln, wie ein Riesengeist, Blickst hernieder zu dem wallenden Kriegsvolk, wie es um dich kreist.

Da der alten Schlachtlust denkst du, Deine Ader schwillt vor Zorn; Einmal noch die Fahne schwenkst du, Einmal stößst du noch ins Horn!

Langsam, weithin tönt der flutende, Schwellende, gewalt′ge Schall - So blies Roland, der verblutende, In der Schlucht von Ronceval.

Wild indes, wie ums verwitternde Felsenhaupt ein Wolkenzug, Braust das Heer um deine zitternde Steingestalt im Wirbelflug;

Und wie bei der Töne Rollen Donnernd das Getümmel wallt, In dem Sturm und Wettergrollen Ist das kleine Jetzt verhallt!

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Illustration zu Die Bildsäule Karls des Großen

Interpretation

Das Gedicht "Die Bildsäule Karls des Großen" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein dramatisches Werk, das die Wiedererweckung und den inneren Konflikt der Statue Karls des Großen darstellt. Die Statue, die in einer Gruft schlummert, wird durch einen magischen Zauberspruch geweckt und steigt aus der Erde empor. Sie trägt einen Mantel aus einem Jahrtausend und tritt als steingewordener Schatten auf eine Marmorplatte, um neu bei ihrem Volk zu sein. Die Statue blickt auf das moderne Deutschland und zeigt sich enttäuscht von der Gegenwart. Sie fragt sich, ob das Morgenrot und das Wappen des Landes sie erfreuen können, nachdem das Reich in sechsunddreißig Lappen zerstückt wurde. Die Statue verhüllt ihren Blick und wünscht sich, in diesem immer wüsteren Leben weiterzuschlafen, bis die Nacht mit düsteren Nebeln begraben wird. In der letzten Strophe des Gedichts erwacht die Statue erneut, als Donner um sie wettert und der Sturmwind sie umfliegt. Sie blickt hinab auf ihr Reich, das sich weithin und endlos zieht. Sie sieht ein blasses Glimmen wie ein Meteor und hört dumpfe Stimmen aus der Tiefe der Erde. Die Erwachten steigen aus der Gruft empor, darunter Tote aus hundert Schlachten, die sich im luftigen Tanz nähern. Die Statue denkt an die alte Schlachtlust und schwenkt die Fahne und stößt ins Horn. Das Heer braust um ihre zitternde Steingestalt im Wirbelflug, und das Getümmel hallt wider wie Donner und Wettergrollen.

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Stilmittel

Metapher
In dem Sturm und Wettergrollen Ist das kleine Jetzt verhallt
Personifikation
Hat dein abgrundtief-begrabner Heldenleib sich aufgerafft?