Die berühmte Frau

Friedrich von Schiller

1796

Beklagen soll ich dich? Mit Tränen bittrer Reue Wird Hymens Band von dir verflucht? Warum? Weil deine Ungetreue In eines Andern Armen sucht, Was ihr die deinigen versagen? - Freund, höre fremde Leiden an, Und lerne deine leichter tragen.

Dich schmerzt, dass sich in deine Rechte Ein Zweiter teilt? - Beneidenswerter Mann! Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte. Vom Belt bis an der Mosel Strand, Bis an die Apenninenwand, Bis in die Vaterstadt der Moden Wird sie in allen Buden feil geboten, Muss sie auf Diligencen, Paketbooten Vom jedem Schulfuchs, jedem Hasen Kunstrichterlich sich mustern lassen, Muss sie der Brille des Philisters stehn, Und wie′s ein schmutz′ger Aristarch befohlen, Auf Blumen oder heißen Kohlen Zum Ehrentempel oder Pranger gehn. Ein Leipziger - dass Gott ihn strafen wollte! Nimmt topographisch sie wie eine Festung auf, Und bietet Gegenden dem Publikum zu Kauf, Wovon ich billig doch allein nur sprechen sollte.

Dein Weib - Dank den kanonischen Gesetzen! - Weiß deiner Gattin Titel doch zu schätzen. Sie weiß warum und tut sehr wohl daran. Mich kennt man nur als Ninons Mann. Du klagst, dass im Parterre und an den Pharotischen, Erscheinst du, alle Zungen zischen? O Mann des Glücks! Wer einmal das von sich Zu rühmen hätte! - Mich, Herr Bruder, mich, Beschert mir endlich eine Molkenkur Das rare Glück - den Platz an ihrer Linken, Mich merkt kein Aug′, und alle Blicke winken Auf meine stolze Hälfte nur.

Kaum ist der Morgen grau, So kracht die Treppe schon von blau′n und gelben Röcken Mit Briefen, Ballen, unfrankierten Päcken, Signiert: An die berühmte Frau. Sie schläft so süß! - doch darf ich sie nicht schonen. “Die Zeitungen, Madam, aus Jena und Berlin!” Rasch öffnet sich das Aug′ der holden Schläferin, Ihr erster Blick fällt - auf Rezensionen. Das schöne blaue Auge - mir Nicht einen Blick! - durchirrt ein elendes Papier, (Laut hört man in der Kinderstube weinen) Sie legt es endlich weg und frägt nach ihren Kleinen.

Die Toilette wartet schon, Doch halbe Blicke nur beglücken ihren Spiegel. Ein mürrisch ungeduldig Drohn Gibt der erschrocknen Zofe Flügel. Von ihrem Putztisch sind die Grazien entflohn, Und an der Stelle holder Amorinen Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen.

Karossen rasseln jetzt heran, Und Mietlakaien springen von den Tritten, Dem duftenden Abbé, dem Reichsbaron, dem Britten, Der - nur nichts Deutsches lesen kann, Großing und Compagnie, dem Z** Wundermann Gehör bei der Berühmten zu erbitten. Ein Ding, das demutsvoll sich in die Ecke drückt Und Ehmann heißt, wird vornehm angeblickt. Hier darf ihr - wird dein Hausfreund so viel wagen? - Der dümmste Fat, der ärmste Wicht, Wie sehr er sie bewundre, sagen, Und darf′s vor meinem Angesicht! Ich steh′ dabei, und, will ich artig heißen, Muss ich ihn bitten mitzuspeisen.

Bei Tafel, Freund, beginnt erst meine Not, Da geht es über meine Flaschen! Mit Weinen von Burgund, die mir der Arzt verbot, Muss ich die Kehlen ihrer Lober waschen. Mein schwer verdienter Bissen Brot Wird hungriger Schmarotzer Beute; O diese leidige, vermaledeite Unsterblichkeit ist meines Nierensteiners Tod! Den Wurm an alle Finger, welche drucken! Was, meinst Du, sei mein Dank? Ein Achselzucken, Ein Mienenspiel, ein ungeschliffenes Beklagen - Errätst du′s nicht? O ich versteh′s genau! Dass diesen Brillant von einer Frau Ein solcher Pavian davon getragen.

Der Frühling kommt. Auf Wiesen und auf Feldern Streut die Natur den bunten Teppich hin; Die Blumen kleiden sich in angenehmes Grün, Die Lerche singt, es lebt in allen Wäldern. - Ihr ist der Frühling wonneleer. Die Sängerin der süßesten Gefühle, Der schöne Hain, der Zeuge unsrer Spiele, Sagt ihrem Herzen jetzt nichts mehr. Die Nachtigallen haben nicht gelesen, Die Lilien bewundern nicht. Der allgemeine Jubelruf der Wesen Begeistert sie - zu einem Sinngedicht. Doch nein! Die Jahrszeit ist so schön - zum Reisen. Wie drängend voll mag′s jetzt in Pyrmont sein! Auch hört man überall das Karlsbad preisen. Husch ist sie dort - in jenem ehrenvollen Reihn, Wo Griechen, untermischt mit Weisen, Celebritäten aller Art, Vertraulich, wie in Charons Kahn, gepaart, An einem Tisch zusammen speisen; Wo, eingeschickt von fernen Meilen, Zerriss′ne Tugenden von ihren Wunden heilen, Noch andre - sie mit Würde zu bestehn, Um die Versuchung lüstern flehn - Dort, Freund - o lerne dein Verhängnis preisen! Dort wandelt meine Frau und lässt mir sieben Waisen.

O meiner Liebe erstes Flitterjahr! Wie schnell - ach, wie so schnell bist du entflogen! Ein Weib, wie keines ist, und keines war, Mir von des Reizes Göttinnen erzogen, Mit hellem Geist, mit aufgetanem Sinn Und weichen, leicht beweglichen Gefühlen. So sah ich sie, die Herzenfesslerin, Gleich einem Maitag mir zur Seite spielen; Das süße Wort: Ich liebe dich! Sprach aus dem holden Augenpaare, So führt′ ich sie zum Traualtare: O wer war glücklicher als ich! Ein Blütenfeld beneidenswerter Jahre Sah lachend mich aus diesem Spiegel an. Mein Himmel war mir aufgetan. Schon sah ich schöne Kinder um mich scherzen, In ihrem Kreis die Schönste sie, Die Glücklichste von allen sie, Und mein durch Seelenharmonie, Durch ewig festen Bund der Herzen. Und nun erscheint - o mög′ ihn Gott verdammen! Ein großer Mann - ein schöner Geist. Der große Mann tut eine Tat! - und reißt Mein Kartenhaus vom Himmelreich zusammen.

Wen hab′ ich nun? - Beweineswerter Tausch! Erwacht aus diesem Wonnerausch, Was ist von diesem Engel mir geblieben? Ein starker Geist in einem zarten Leib, Ein Zwitter zwischen Mann und Weib, Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben, Ein Kind mit eines Riesen Waffen, Ein Mittelding von Weisen und von Affen! Um kümmerlich dem stärkern nach zu kriechen, Dem schöneren Geschlecht entflohn, herabgestürzt von einem Thron, Des Reizes heiligen Mysterien entwichen, Aus Cytherea′s goldnem Buch gestrichen Für - einer Zeitung Gnadenlohn!

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Illustration zu Die berühmte Frau

Interpretation

Das Gedicht "Die berühmte Frau" von Friedrich von Schiller ist eine satirische Betrachtung über die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Schiller kritisiert darin die Doppelmoral und die Rollenzwänge, denen Frauen ausgesetzt waren. Das Gedicht beginnt mit der Frage, warum man eine Frau beklagen sollte, die in den Armen eines anderen Trost sucht. Schiller argumentiert, dass dies verständlich sei, da die Frau in der Gesellschaft als Objekt der Begierde und des Begehrens betrachtet wird. Sie wird von Männern verschiedener Stände und Herkünfte begehrt und muss sich ihren Körper und ihre Schönheit anbieten, um Anerkennung und Erfolg zu erlangen. Schiller beschreibt die Frau als "berühmte Frau", die in der Öffentlichkeit steht und von vielen Menschen umgeben ist. Sie wird von Briefen, Paketen und Zeitungen überschüttet und muss sich ständig mit Rezensionen und Kritiken auseinandersetzen. Ihr Leben ist geprägt von Terminen, Verpflichtungen und gesellschaftlichen Erwartungen. Der Dichter kritisiert auch die Rolle der Frau als Mutter. Obwohl sie Kinder hat, scheint sie sich mehr um ihre Karriere und ihren Ruhm zu kümmern als um ihre Familie. Schiller deutet an, dass die Frau ihre Kinder vernachlässigt und sich mehr um ihr Image und ihre Popularität sorgt. Insgesamt ist das Gedicht eine scharfe Kritik an der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, die Frauen als Objekte der Begierde und des Begehrens betrachtete und ihnen wenig Raum für Selbstbestimmung und persönliche Entwicklung ließ. Schiller fordert eine Neubewertung der Rolle der Frau in der Gesellschaft und plädiert für mehr Gleichberechtigung und Anerkennung der weiblichen Intelligenz und Fähigkeiten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
blau'n und gelben Röcken
Hyperbel
Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte
Metapher
Aus Cytherea's goldnem Buch gestrichen
Personifikation
Die Sängerin der süßesten Gefühle
Vergleich
Gleich einem Maitag mir zur Seite spielen