Die beiden Sängerheere

Anastasius Grün

unknown

Einst schlief ich im düstern Ulmenhain Nicht fern von den Särgen der Barden ein, Mich sangen die Vögel des Waldes in Ruh, Es rauschten die Zweige wie Lieder dazu.

Als jegliches Aug’ in Schlummer schon brach Und Kummer allein und Liebe noch wach, Da rüttelt’s und schüttelt’s an Riegel und Sarg, Da rüttelt und sprengt es Riegel und Sarg.

Wie Woge an Woge im brausenden Meer, Ersteht aus den Särgen ein Harfnerheer, Wohl tausend Gestalten im regen Gewühl, In knöchernen Armen ein Saitenspiel.

Die Lippen sind dürr und der Blick ist kalt, Die bleiche Wange verfallen und alt, Und mit den Händen ohne Gefühl Gepocht und gehämmert am Saitenspiel.

Und wie sie auch pochen und hämmern im Chor, Kein Ton und kein Laut schlägt an mein Ohr; Nur Eulen flattern aus dem Versteck Und Kobolde grinsen im Felsenleck.

Und unter den Harfnern das Gras verdorrt, Der Mond sein züchtig Antlitz umflort; So klimpern allnächtlich zur Mitternachtzeit Ihr ewiges Lied sie: Vergessenheit!

Jetzt schallt’s wie der Engel Posannenruf, Als Welten und Leben der Ewige schuf; Es rauschen des Haines Gezweige so hell, Es säuselt die Wiese, es rieselt der Quell.

Da klappen wohl tausend der Särge zu: Das Lei’rergesindel taumelt zur Ruh; Da springen wohl tausend Särge auf: Ein Sängergeschlecht beginnt seinen Lauf!

Ein körnig Geschlecht für endlose Zeit, Gesäugt an den Brüsten der Ewigkeit, Das Auge ein Blitz und doch so mild, Das Antlitz der Liebe rosiges Bild.

Und siehe, der herrliche Bardenchor Hebt rauschend die klingenden Harfen empor, Wie Seraphsgebet, wie Lavinenklang Verhallt’ es die weiten Gefild’ entlang.

Es horchen die Wasser und hemmen den Lauf, Die Rosen blühn, als sei Frühling, auf, Und um sie in vollerem Mondenschein Drehn schöne Elfenkinder den Reihn.

In Wonne schüttelt sein Haupt der Baum, Der Vogel am Ast träumt süßeren Traum; So singen allnächtlich zur Mitternachtzeit Ihr ewiges Lied sie: Unsterblichkeit!

Wie liederbegrüßt und rosenbekränzt Die sinkende Sonn’ im Berggrab glänzt, So rauscht es noch einmal durch Erd’ und Luft Und alle die Sänger versinken zur Gruft.

Da rüttelt’s mich rasch aus dem Schlummer auf; Im Osten beginnt die Sonne den Lauf, Die Steine sind fest, geschlossen die Gruft, Und leis weht darüber die Morgenluft.

Und sind auch die Sänger alle zur Ruh Und ihre ewigen Wohnungen zu, Blieb eines der beiden Lieder mir doch, Das sang ich und sing’ es wohl sterbend noch.

Doch welches der Heere zum Sang mich geweiht? Du wirst es enthüllen, Allrichterin Zeit! Wenn über dem Sarg mir die Grabrose blüht, Sing’ ich wohl mit einem der Heere mein Lied.

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Illustration zu Die beiden Sängerheere

Interpretation

Das Gedicht "Die beiden Sängerheere" von Anastasius Grün erzählt von einer nächtlichen Vision, in der der lyrische Ich-Erzähler in einem Ulmenhain nahe den Gräbern der Barden einschläft. In der Mitternacht erwachen die Toten als Skelette und beginnen ein ewiges Lied der Vergessenheit zu singen, doch ihre Klänge bleiben ungehört, nur Eulen und Kobolde reagieren darauf. Die Szene verwandelt sich, als ein zweites Heeres von jungen, strahlenden Sängern auftaucht, deren Harfenklänge wie Seraphsgebet und Lavinenklang durch die Natur hallen und alles zum Leben erwecken. Ihre Melodie verkündet die Unsterblichkeit und erfüllt die Welt mit Wonne, bis die Sänger bei Sonnenaufgang wieder in ihre Gräber sinken. Der Erzähler erwacht und reflektiert über die beiden Lieder, die er gehört hat: das eine von Vergessenheit, das andere von Unsterblichkeit. Er fragt sich, welchem der Heere er selbst zugehört, und überlässt die Entscheidung der Zeit, die sich am Ende durch das Blühen einer Grabrose offenbaren wird. Das Gedicht thematisiert den ewigen Konflikt zwischen Vergänglichkeit und Unsterblichkeit, wobei die Toten der Vergangenheit der Vergessenheit anheimfallen, während die lebendige Nachwelt durch Kunst und Gesang Unsterblichkeit erlangt. Die Struktur des Gedichts mit dem Wechsel zwischen den beiden Heeren und dem wiederkehrenden Motiv der Mitternacht unterstreicht den Kontrast zwischen Tod und Leben, Finsternis und Erleuchtung. Die Sprache ist reich an Bildern und Metaphern, die die unheimliche Atmosphäre der Totenwelt mit der strahlenden Schönheit der lebendigen Sänger kontrastieren. Die Harfen als Symbol der Poesie und des Gesangs verbinden beide Heere, doch ihre Klänge haben unterschiedliche Wirkungen: die der Toten bleiben ungehört, die der Lebenden erwecken die Natur zum Leben. Das Gedicht endet mit einer offenen Frage nach der Zugehörigkeit des Erzählers, was die Ambivalenz des menschlichen Daseins zwischen Vergessenheit und Unsterblichkeit betont.

Schlüsselwörter

ruh rüttelt sarg tausend lied lauf särgen lieder

Wortwolke

Wortwolke zu Die beiden Sängerheere

Stilmittel

Alliteration
Da rüttelt’s und schüttelt’s an Riegel und Sarg
Hyperbel
Wohl tausend Gestalten im regen Gewühl
Metapher
Sing’ ich wohl mit einem der Heere mein Lied
Personifikation
Die Steine sind fest, geschlossen die Gruft
Vergleich
Wie Seraphsgebet, wie Lavinenklang