Die Beichte

Friedrich Theodor Vischer

1807

Die Beichte Ist eine leichte Und seichte Manier, sich der Schuld zu entladen. Man packt zusammen den Schaden Und wirft das Paket zum Spediren, Zum Forteskamotiren Hinüber dem ehrwürdigen Sündenbittel, Dem Herrn im langen, schwarzen Kittel, Der so willfährig tritt in’s Mittel. Aber man muß seine Sachen Mit dem lieben Gott selbst abmachen, Denn es ist doch klar: Er hat keinen Vikar. Und übrigens ist’s eine Lügenschule, Dieweil man dem Herren, der sitzt im Stuhle, Wie wißbegierig er horcht und fragt, Doch nimmer die ganze Wahrheit sagt; Da kann es denn schließlich auch nicht fehlen: Man lernt vor sich selber lügen und hehlen, Man macht’s dem Gewissen, das gar so bitter, Just wie dem Pfaffen hinter dem Gitter; Ein Beichtkind ließe sich eher verbrennen, Als es lernt, sich selber prüfen und kennen.

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Illustration zu Die Beichte

Interpretation

Das Gedicht "Die Beichte" von Friedrich Theodor Vischer kritisiert die katholische Praxis der Beichte. Vischer porträtiert die Beichte als eine oberflächliche und leichte Art, sich seiner Schuld zu entledigen. Der Dichter verwendet eine satirische Sprache, um die Mechanik der Beichte zu beschreiben, bei der man seine Sünden "zusammenpackt" und sie dem Priester übergibt, der bereitwillig als Vermittler fungiert. Vischer deutet an, dass diese Praxis es den Menschen ermöglicht, ihre Verantwortung vor Gott zu umgehen, da Gott keinen Stellvertreter hat. Vischer betont weiterhin, dass die Beichte eine "Lügenschule" ist, da die Beichtenden dem Priester niemals die ganze Wahrheit sagen. Der Dichter deutet an, dass die Beichte nicht nur die Beziehung zwischen dem Beichtenden und dem Priester, sondern auch die Beziehung des Beichtenden zu seinem eigenen Gewissen verzerren kann. Durch die Beichte lernt man, sich selbst zu belügen und zu verbergen, anstatt sich selbst zu prüfen und zu erkennen. Vischer impliziert, dass die Beichte eine Flucht vor der wahren Selbstreflexion und Selbstkenntnis darstellt. Das Gedicht endet mit einer scharfen Kritik an der Beichte als einer Praxis, die die Menschen daran hindert, sich selbst zu verstehen. Vischer suggeriert, dass ein Beichtkind eher bereit wäre, sich zu verbrennen, als sich selbst zu prüfen und zu erkennen. Dies unterstreicht die tiefgreifende Kritik des Dichters an der Beichte als einer Praxis, die die Menschen von der wahren Selbstreflexion und Selbstkenntnis abhält.

Schlüsselwörter

lernt selber beichte leichte seichte manier schuld entladen

Wortwolke

Wortwolke zu Die Beichte

Stilmittel

Alliteration
sich der Schuld zu entladen
Enjambement
Man packt zusammen den Schaden / Und wirft das Paket zum Spediren
Hyperbel
Ein Beichtkind ließe sich eher verbrennen
Ironie
Es ist doch klar: Er hat keinen Vikar
Metapher
Das Paket zum Spediren, Zum Forteskamotiren
Personifikation
Der Herr im langen, schwarzen Kittel, Der so willfährig tritt in's Mittel
Reimschema
leichte - seichte, zusammen - Schaden, etc.