Die Begegnung

Friedrich von Schiller

1805

Noch seh′ ich sie, umringt von ihren Frauen, Die herrlichste von allen, stand sie da. Wie eine Sonne war sie anzuschauen; Ich stand von fern und wagte mich nicht nah. Es fasste mich mit wolllustvollem Grauen, Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah; Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen, Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.

Was ich in jenem Augenblick empfunden, Und was ich sang, vergebens sinn′ ich nach. Ein neu Organ hatt′ ich in mir gefunden, Das meines Herzens heil′ge Regung sprach; Die Seele war′s, die Jahre lang gebunden, Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach, Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen, Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen.

Und als die Saiten lange schon geschwiegen, Die Seele endlich mir zurücke kam, Da sah ich in den engelgleichen Zügen Die Liebe ringen mit der holden Scham, Und alle Himmel glaubt′ ich zu erfliegen, Als ich das leise, süße Wort vernahm - O droben nur in sel′ger Geister Chören Werd ich des Tones Wohllaut wieder hören!

“Das treue Herz, das trostlos sich verzehrt, Und still bescheiden nie gewagt zu sprechen: Ich kenne den ihm selbst verborgnen Wert, Am rohen Glück will ich das Edle rächen. Dem Armen sei das schönste Los beschert, Nur Liebe darf der Liebe Blume brechen. Der schönste Schatz gehört dem Herzen an, Das ihn erwidern und empfinden kann.”

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Illustration zu Die Begegnung

Interpretation

Das Gedicht "Die Begegnung" von Friedrich von Schiller beschreibt die tiefgreifende emotionale Erfahrung des lyrischen Ichs bei der Begegnung mit einer Frau von außergewöhnlicher Schönheit. Die Frau wird als strahlende, sonnenähnliche Erscheinung dargestellt, die das lyrische Ich aus der Ferne bewundert, jedoch nicht wagt, sich ihr zu nähern. Die Begegnung löst eine Mischung aus wollüstigem Grauen und überwältigender Inspiration aus, die das lyrische Ich dazu veranlasst, die Saiten einer Harfe anzuschlagen und ein Lied zu singen. Das Gedicht beschreibt den Prozess der künstlerischen Schöpfung, der durch die Begegnung mit der Frau ausgelöst wird. Das lyrische Ich entdeckt eine neue, innere Stimme, die die heiligen Regungen seines Herzens zum Ausdruck bringt. Diese Stimme wird als die Seele selbst beschrieben, die sich nach Jahren der Unterdrückung plötzlich befreit und göttliche Töne hervorbringt. Die Begegnung führt zu einer tiefen emotionalen Erschütterung, die das lyrische Ich in einen Zustand der Inspiration versetzt. Im letzten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich die Reaktion der Frau auf sein Lied. Es sieht in ihrem Gesicht den Kampf zwischen Liebe und Scham und glaubt, die Himmel erreicht zu haben, als es ein leises, süßes Wort von ihr vernahm. Das Gedicht endet mit einem Loblied auf die treue Liebe, die den Wert eines Menschen erkennt und belohnt, unabhängig von seinem äußeren Glück oder sozialen Status. Die Liebe wird als die höchste Form der Verbindung zwischen Menschen dargestellt, die den Besitz des schönsten Schatzes ermöglicht - die Fähigkeit, Liebe zu erwidern und zu empfinden.

Schlüsselwörter

liebe stand sah saiten seele alle schönste seh

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah
Hyperbel
Und alle Himmel glaubt' ich zu erfliegen
Kontrast
Der arme sei das schönste Los beschert
Metapher
Es fasste mich mit wolllustvollem Grauen
Personifikation
Die Seele war's, die Jahre lang gebunden
Symbolik
Die Liebe ringen mit der holden Scham
Vergleich
Wie eine Sonne war sie anzuschauen