Die Bank

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Im Parke weiß ich eine Bank, Die schattenreichste nicht von allen, Nur Erlen lassen, dünn und schlank, Darüber karge Streifen wallen; Da sitz′ ich manchen Sommertag Und laß mich rösten von der Sonnen, Rings keiner Quelle Plätschern wach, Doch mir im Herzen springt der Bronnen.

Dies ist der Fleck, wo man den Weg Nach allen Seiten kann bestreichen, Das staub′ge Gleis, den grünen Steg, Und dort die Lichtung in den Eichen: Ach manche, manche liebe Spur Ist unterm Rade aufgeflogen! Was mich erfreut, bekümmert, nur Von drüben kam es hergezogen.

Du frommer Greis im schlichten Kleid, Getreuer Freund seit zwanzig Jahren, Dem keine Wege schlimm und weit, Galt es den heil′gen Dienst zu wahren, Wie oft sah ich den schweren Schlag Dich drehn mit ungeschickten Händen, Und langsam steigend nach und nach Dein Käppchen an des Dammes Wänden.

Und du in meines Herzens Grund, Mein lieber schlanker blonder Junge, Mit deiner Büchs′ und braunem Hund, Du klares Aug′ und muntre Zunge, Wie oft hört′ ich dein Pfeifen nah, Wenn zu der Dogge du gesprochen; Mein lieber Bruder warst du ja, Wie sollte mir das Herz nicht pochen?

Und manches was die Zeit verweht, Und manches was sie ließ erkalten, Wie Banquos Königsreihe geht Und trabt es aus des Waldes Spalten. Auch was mir noch geblieben und Was neu erblüht im Lebensgarten, Der werten Freunde heitrer Bund, Von drüben muß ich ihn erwarten.

So sitz′ ich Stunden wie gebannt, Im Gestern halb und halb im Heute, Mein gutes Fernrohr in der Hand Und laß es streifen durch die Weite. Am Damme steht ein wilder Strauch. O, schmählich hat mich der betrogen! Rührt ihn der Wind, so mein′ ich auch Was Liebes komme hergezogen!

Mit jedem Schritt weiß er zu gehn, Sich anzuformen alle Züge; So mag er denn am Hange stehn, Ein wert Phantom, geliebte Lüge; Ich aber hoffe für und für, Sofern ich mich des Lebens freue, Zu rösten an der Sonne hier, Geduld′ger Märtyrer der Treue.

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Illustration zu Die Bank

Interpretation

Das Gedicht "Die Bank" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von einer Bank im Park, die der Sprecherin als Ort der Erinnerung und der Sehnsucht dient. Die Bank ist nicht besonders schattig, sondern nur von dünnen Erlen umgeben. Hier sitzt die Sprecherin an Sommertagen und lässt sich von der Sonne rösten, während sie in ihrem Herzen einen Brunnen spürt, der ihr Trost spendet. Die Bank ist ein Ort, von dem aus man verschiedene Wege und Pfade sehen kann, die die Sprecherin an vergangene Zeiten und Menschen erinnern. Sie erwähnt einen frommen Greis, der ihr seit zwanzig Jahren ein treuer Freund ist, und einen jungen blonden Jungen mit Büchse und braunem Hund, der ihr wie ein Bruder war. Die Sprecherin erinnert sich an ihre Pfeifgeräusche und die Gespräche mit seinem Hund. Auch andere Menschen und Erinnerungen aus der Vergangenheit kommen ihr in den Sinn, wie eine Reihe von Königen, die aus dem Wald kommen. Die Sprecherin sitzt stundenlang auf der Bank, halb in der Vergangenheit und halb in der Gegenwart, mit einem Fernrohr in der Hand, das sie durch die Weite schweifen lässt. Ein wilder Strauch am Damm täuscht sie manchmal, wenn der Wind ihn bewegt, und sie glaubt, etwas Liebgewonnenes zu sehen. Die Sprecherin hofft, solange sie das Leben genießt, an der Sonne zu rösten und geduldig der Treue zu sein, auch wenn sie von Illusionen getäuscht wird.

Schlüsselwörter

weiß allen streifen sitz laß rösten manche drüben

Wortwolke

Wortwolke zu Die Bank

Stilmittel

Alliteration
Schlag Dich drehn mit ungeschickten Händen
Anapher
Und du in meines Herzens Grund, Mein lieber schlanker blonder Junge
Bildsprache
Und manches was die Zeit verweht, Und manches was sie ließ erkalten
Enjambement
So sitz' ich Stunden wie gebannt, Im Gestern halb und halb im Heute
Hyperbel
Geduld'ger Märtyrer der Treue
Kontrast
Rösten an der Sonne hier, Geduld'ger Märtyrer der Treue
Metapher
Rings keiner Quelle Plätschern wach, Doch mir im Herzen springt der Bronnen.
Personifikation
Getreuer Freund seit zwanzig Jahren, Dem keine Wege schlimm und weit, Galt es den heil'gen Dienst zu wahren
Symbolik
Du frommer Greis im schlichten Kleid
Vergleich
Wie Banquos Königsreihe geht