Die Bank des Alten

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Ich bin einmal in einem Tal gegangen, Das fern der Welt, dem Himmel nahe war, Durch das Gelände seiner Wiesen klangen Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr.

Ich schritt durch eines Dörfchens stille Gassen. Kein Laut. Vor einer Hütte sass allein Ein alter Mann, von seiner Kraft verlassen, Und schaute feiernd auf den Firneschein.

Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne, Seh ich den Himmel jenes Tales blaun, Den Müden seh ich wieder auf die Firne, Die nahen, selig klaren Firne schaun.

′s ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden Aus dieser Sonne Licht, von Jahren schwer; Er schlummert wohl in seines Grabes Frieden, Und seine Bank steht vor der Hütte leer.

Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät; Dann will ich langsam in die Berge wandern Und suchen, wo die Bank des Alten steht.

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Illustration zu Die Bank des Alten

Interpretation

Das Gedicht "Die Bank des Alten" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die Reise des lyrischen Ichs durch ein abgelegenes Tal, das fern der Welt und dem Himmel nahe ist. Die friedliche und idyllische Atmosphäre wird durch die Beschreibung der zweiten Mahd und das Klingen der Sensen in den Wiesen verstärkt. Das lyrische Ich durchquert ein stummes Dorf und begegnet einem alten Mann, der vor einer Hütte sitzt und den Firneschein betrachtet. Der alte Mann, von seiner Kraft verlassen, scheint in einem feierlichen Zustand zu sein. In der zweiten Strophe kehrt das lyrische Ich immer wieder in Gedanken an das Tal zurück, wo es den Himmel und die Firnen sieht. Es beobachtet den müden alten Mann, der wieder auf die Firnen blickt, die nah und selig klar erscheinen. Diese Bilder vermitteln eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und eine Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Die dritte Strophe enthüllt, dass die Begegnung mit dem alten Mann nur ein Traum war. Der Greis ist bereits von dieser Welt geschieden und schlummert in seinem Grab. Die Bank, auf der er einst saß, steht nun leer vor der Hütte. Diese Erkenntnis verleiht dem Gedicht eine melancholische Note und unterstreicht die Vergänglichkeit des Lebens. In der letzten Strophe reflektiert das lyrische Ich über sein eigenes Leben, das noch feurig pulsiert. Es erkennt, dass auch ihm eines Tages die Kraft verlassen wird. Dann will es langsam in die Berge wandern und die Bank des Alten suchen, um dort Ruhe und Frieden zu finden. Das Gedicht endet mit einer Vision der eigenen Zukunft, in der das lyrische Ich die Sehnsucht nach der Ruhe und der Verbundenheit mit der Natur des alten Mannes teilt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Den Müden seh ich wieder auf die Firne, Die nahen, selig klaren Firne schaun
Hyperbel
Noch pulst mein Leben feurig
Kontrast
′s ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden Aus dieser Sonne Licht, von Jahren schwer
Metapher
Ich bin einmal in einem Tal gegangen, Das fern der Welt, dem Himmel nahe war
Parallelismus
Dann will ich langsam in die Berge wandern Und suchen, wo die Bank des Alten steht
Personifikation
Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr
Symbolik
Firneschein
Vorausdeutung
Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät
Wiederholung
Firne