Die Aussicht

Christian Friedrich Daniel Schubart

1785

Schön ist′s, von des Thränenberges Höhen Gott auf seiner Erde wandeln sehen, Wo sein Odem die Geschöpfe küßt. Auen sehen, drauf Natur, die treue, Eingekleidet in des Himmels Bläue, Schreitet, und wo Milch und Honig fließt!

Schön ist′s in des Thränenberges Lüften Bäume sehn, in silberweißen Düften, Die der Käfer wonnesummend trinkt; Und die Straße sehn im weiten Lande, Menschenwimmelnd, wie vom Silbersande Sie, der Milchstraß′ gleich am Himmel, blinkt.

Und den Neckar blau vorüberziehend, In dem Gold der Abendsonne glühend, Ist dem Späherblicke Himmelslust; Und den Wein, des siechen Wandrers Leben, Wachsen sehn an mütterlichen Reben, Ist Entzücken für des Dichters Brust.

Aber, armer Mann, du bist gefangen; Kannst du trunken an der Schönheit hängen? Nichts auf dieser schönen Welt ist dein! Alles, alles ist in tiefer Trauer Auf der weiten Erde; denn die Mauer Meiner Veste schließt mich Armen ein!

Doch herab von meinem Thränenberge Seh′ ich dort den Moderplatz der Särge; Hinter einer Kirche streckt er sich Grüner als die andern Plätze alle: - Ach! Herab von meinem hohen Walle Seh′ ich keinen schönern Platz für mich!

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Illustration zu Die Aussicht

Interpretation

Das Gedicht "Die Aussicht" von Christian Friedrich Daniel Schubart schildert die kontrastreiche Wahrnehmung eines Gefangenen, der von seiner erhöhten Position aus die Schönheit der Natur und des Lebens bewundert, sich aber gleichzeitig seiner Gefangenschaft und Isolation bewusst ist. In den ersten Strophen beschreibt der Sprecher die idyllische Landschaft, die er von seinem "Thränenberge" aus erblickt: die grünen Auen, die blühenden Bäume, den Neckar, der im Abendlicht glänzt, und den Wein, der an den Reben wächst. Diese Naturbilder werden als paradiesisch und erfüllend dargestellt, wobei der Sprecher in seiner Begeisterung fast poetische Entzückung empfindet. In der vierten Strophe wendet sich der Ton jedoch drastisch, als der Sprecher seine eigene Situation reflektiert. Er erkennt, dass er trotz der Schönheit, die er sieht, ein "armer Mann" ist, der gefangen ist und nichts von dieser Welt besitzt. Die Mauer seiner Festung schließt ihn ein und trennt ihn von der Welt, die er bewundert. Diese Erkenntnis bringt tiefe Trauer und ein Gefühl der Isolation mit sich, da er sich bewusst wird, dass die Schönheit, die er sieht, ihm nicht gehört und er nicht daran teilhaben kann. Die letzte Strophe bringt eine überraschende Wendung, als der Sprecher seinen Blick von der idyllischen Landschaft auf einen Friedhof richtet, der hinter einer Kirche liegt. Dieser Ort, der normalerweise mit Tod und Trauer assoziiert wird, wird als der "schönste Platz" für ihn beschrieben. Dies deutet darauf hin, dass der Sprecher, der in seinem Leben gefangen ist und von der Schönheit der Welt ausgeschlossen ist, den Friedhof als einen Ort der Ruhe und des Friedens wahrnimmt, der ihm mehr zusagt als die lebendige Welt, die er nicht erreichen kann.

Schlüsselwörter

sehn schön thränenberges erde sehen weiten herab seh

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Stilmittel

Anapher
Alles, alles ist in tiefer Trauer
Metapher
Den Moderplatz der Särge
Personifikation
Wo sein Odem die Geschöpfe küßt
Vergleich
Grüner als die andern Plätze alle