Die Athener in Syrakus

Adolf Friedrich Graf von Schack

1866

Frühmorgens auf seinem Söller saß Klearch mit dem Sohne Gorgias; Vor ihm, gedehnt an des Hügels Fuß, Das unermeßliche Syrakus Mit Tempeln und Hallen und Thermen, Und drüber hinweg des Aetna Schnee Und das hochgezinnte Epipolä Und der Häfen tobendes Lärmen.

»Du weißt, Sohn, was ich dem Ares versprach, Als er die Macht der Athener zerbrach! Eh Boreas noch, der eisige, tobt, Muß ich, so wie ich im Kampfe gelobt, Im Tempel das Opfer ihm zünden. Geh, ruf mir den Meister des Bau′s herbei! Ob nun vollendet das Prachtthor sei Und der Giebel, soll er mir künden.

Doch sieh! dort naht er. - Du hörtest, ich will Vor Winter den Tempel noch weihen, Thrasyll. Schon werden die Blätter herbstlich welk; Sag an denn: Ruht bereits das Gebälk Auf den marmornen Architraven? Wo nicht, so brauche die Geißel zum Schlag Und zwinge zur Arbeit Nacht wie Tag Die weichlichen attischen Sklaven!«

Thrasyll darauf: »Wenn, wie du verlangt, Noch in Vollendung der Bau nicht prangt, Bezähme, Gebieter, die Ungeduld! Ein Chor des Euripides trägt die Schuld; Sobald die Athener ihn singen, Wird jeder der anderen Sklaven verlockt, Dem Klange zu lauschen; die Arbeit stockt, Nicht kann ich sie ferner erzwingen.«

Klearch vernimmt′s und erblaßt vor Wut. »Mir, Vater, vertraue der Sklaven Hut,« Ruft Gorgias da, »ich sei ihr Vogt! Eh winterlich stürmend die See noch wogt, Den Tempel sie lass′ ich vollenden! Fand doch durch dieser Athener Speer Mein Bruder den Tod; das büßen sie schwer, Wenn die Geißel mir zuckt in den Händen!«

Den Jüngling, der hoch von Zornglut flammt, Entsendet Klearch zu dem neuen Amt. Und Tage verstreichen; im langen Zug Geht schon nach Süden der Kraniche Flug, Der Herbst hat die Haine gelichtet; Da folgt der Vater dem Sohn, und bald Ragt vor ihm der Hügel voll Pinienwald, Auf dem er den Tempel errichtet.

Fast glaubt er, daß ihn das Auge trügt; Kaum sind bis zum Dache die Quadern gefügt! Er sieht, und im Herzen schwillt ihm der Groll, Die attischen Sklaven trauervoll In Reihen am Boden sitzend, Und neben ihnen, o Spott und Hohn, Verhüllten Gesichtes den eigenen Sohn, Das Haupt mit dem Arme stützend.

Die Geißel erhob Klearch zum Schlag, Die hingesunken am Boden lag: »Was? Mitleid mit der verruchten Brut? Auf, Hunde! Träg nicht länger geruht! Sonst fort in die Steinbruchgruben!« Da rafften die Sklaven sich mühsam empor, Begannen die Arbeit und sangen im Chor, Indes sie die Quadern huben:

»Ihr, die uns erzogen, heimische Aun, Die mild des Ilyssus Wellen betaun, Wo im säuselnden Hauch lind atmender Luft Die Pinie rauscht an der Felsenkluft Und Bienen um Blüten summen! Ihr Haine, wo stets lau fächelnd der West Die Purpurgranate reifen läßt Und nie in dem grünenden dunklen Geäst Die Nachtigallen verstummen!

Glückselige Flur des geliebten Athen, So sollen wir nie dich wiedersehn? Nie sehn, wie die hehre Akropolis Und Tempel und Hallen am schönen Kephiß Im Morgenglanze sich röten, Indessen, die Stirnen grün umzweigt, Der Zug der Opfernden aufwärts steigt Und Luft und Himmel und Erde schweigt Beim Klange der heiligen Flöten?«

Schon war dem Klearch, der horchend stand, Die Geißel mählich entglitten der Hand; Da sangen sie weiter: »So sollen wir nie Bei den Götterbildern der Akademie Den Lehren der Weisen lauschen, Und nie, gestreckt auf die Marmorbank, Mehr schlürfen der Dichtung göttlichen Trank, Wo sprudelnde Quellen durch Epheugerank Aus der Grotte der Nymphen rauschen?

Hier schmachten wir fern von Weib und Kind, Ach! ferne von allen, die teuer uns sind! Die Geißel tönt, und die Kette klirrt, Und wenn uns Jammer den Geist verwirrt, Uns zu trösten haben wir keinen! Verwehn wird unseren Staub die Luft, Und keine geliebte Hand auf die Gruft Uns Kränze legen von süßem Duft, Kein Auge über ihr weinen.«

Das Lied verhallte; sein Antlitz barg Lang in des Gewandes Falten Klearch; Dann trat er hin in der Sklaven Kreis; Vom Auge quollen ihm Thränen heiß; Haß war ihm und Grimm geschwunden. Er rief: »Kehrt heim in eu′r schönes Athen Und grüßt mir den Dichter beim Wiedersehn! In seinem Liede hab′ ich ein Wehn Vom Hauche der Götter empfunden!«

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Illustration zu Die Athener in Syrakus

Interpretation

Das Gedicht "Die Athener in Syrakus" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die Geschichte von Klearch, einem syrakusischen Herrscher, der den Bau eines Tempels für den Kriegsgott Ares überwacht. Er beauftragt seinen Sohn Gorgias, die Arbeiten voranzutreiben und die athenischen Sklaven zur Eile anzutreiben. Als Gorgias jedoch die Sklaven bei ihrer Arbeit beobachtet, entdeckt er sie singend ein Lied des athenischen Dichters Euripides. Die Sklaven besingen in ihrem Lied ihre Heimat Athen, die Akropolis, die Tempel und Hallen, sowie die Akademie und die Nymphengrotte. Sie beklagen ihr Schicksal, fern von Weib und Kind zu sein und ohne Trost in der Fremde zu schmachten. Berührt von dem Lied und den Tränen seines Sohnes, lässt Klearch die Sklaven ziehen und kehren heim nach Athen. Er bittet sie, ihm den Dichter beim Wiedersehen zu grüßen, da er in dessen Lied einen Hauch der Götter verspürt habe. Das Gedicht endet mit einem Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit gegenüber den besiegten Feinden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Boreas noch, der eisige, tobt
Anapher
Ihr, die uns erzogen, heimische Aun, Die mild des Ilyssus Wellen betaun
Bildsprache
Wo im säuselnden Hauch lind atmender Luft Die Pinie rauscht an der Felsenkluft Und Bienen um Blüten summen!
Hyperbel
Das unermeßliche Syrakus
Ironie
Und neben ihnen, o Spott und Hohn, Verhüllten Gesichtes den eigenen Sohn, Das Haupt mit dem Arme stützend.
Kontrast
Hier schmachten wir fern von Weib und Kind, Ach! ferne von allen, die teuer uns sind!
Metapher
Vor ihm, gedehnt an des Hügels Fuß, Das unermeßliche Syrakus
Personifikation
»Du weißt, Sohn, was ich dem Ares versprach, Als er die Macht der Athener zerbrach!«
Symbolik
Die Geißel
Vergleich
Kaum sind bis zum Dache die Quadern gefügt!