Die arme Frau

Kurt Tucholsky

1890

Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter? Du lieber Gott, da seid mir still! Ein Don Juan? Ein braver, schlichter Bourgeois - wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern, wie viele Frauen er geküsst; von seidenen Haaren, seidenen Tüchern, Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst… Liebwerte Schwestern, lasst die Briefe, den anonymen Veilchenstrauß! Es könnt ihn stören, wenn er schliefe. Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig ist er und immer indigniert. Und dabei gluckert er unmäßig vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter von Tag zu Tag - ach! lasst das sein! Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter? In Büchern: ja Im Leben: nein.

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Illustration zu Die arme Frau

Interpretation

Das Gedicht "Die arme Frau" von Kurt Tucholsky handelt von einer Frau, die über ihren Mann, einen Dichter, spricht. In der Öffentlichkeit wird er als Don Juan dargestellt, der zahlreiche Frauen geküsst und verführt hat. Doch in Wirklichkeit ist er ein braver, schlichter Bourgeois, der sich meist ausruht und faul, fett und gefräßig ist. Die Frau beschreibt ihn als jemanden, der sich übermäßig dem Rotwein hingibt und dabei indigniert wirkt. Die Frau bittet die anderen Frauen, die Briefe und anonymen Veilchensträuße für ihren Mann zu unterlassen, da er dadurch gestört werden könnte, besonders wenn er schläft. Sie bemerkt, dass die anderen Frauen immer wilder und erpichter nach ihrem Mann werden, aber sie bittet sie, damit aufzuhören. Sie betont, dass ihr Mann in Büchern zwar als Frauenheld dargestellt wird, aber im wirklichen Leben ganz anders ist. Das Gedicht zeigt den Kontrast zwischen dem öffentlichen Image des Dichters als Frauenheld und seiner tatsächlichen Persönlichkeit als fauler und unappetitlicher Mann. Die Frau scheint frustriert über die Verehrung ihres Mannes durch andere Frauen zu sein, da sie die wahre Natur ihres Mannes kennt. Tucholsky nutzt diese Ironie, um die Diskrepanz zwischen Schein und Sein aufzuzeigen und die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Gesellschaft zu kritisieren.

Schlüsselwörter

mann dicker dichter gott büchern seidenen lasst tag

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
seidenen Haaren, seidenen Tüchern
Enjambement
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter? Du lieber Gott, da seid mir still!
Hyperbel
wie viele Frauen er geküsst
Ironie
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter Bourgeois - wie Gott ihn haben will
Kontrast
In Büchern: ja Im Leben: nein
Metapher
Da steht in seinen schmalen Büchern
Personifikation
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe
Wiederholung
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?