Die Ankunft
1881Ihr, die Ihr diese Zeilen nie lesen werdet. Dürftige Mädchen, die in ungesehenen Winkeln von Soldaten gebären,
Fiebrige Mütter, die keine Milch haben, ihre Kinder zu nähren.
Schüler, die mit erhobnem Zeigefinger stramm stehen müssen,
Ihr Fünfzehnjährige mit dunklem Augrand und Träumen von Maschinengewehrschüssen,
Ihr gierige Zuhälter, die den Schlagring verbergt, wenn Ihr dem Fremden ins Menschenauge seht,
Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt, wenn das Wunder durch die Straßen geht,
Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt:
Zu Euch stäuben alle Worte der Welt aus den Spalten der Mauern, zu Euch steigen sie wie Weinrauch aus dem Dunst des Asphalt.
Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer Bleichblut schien.
Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.
Ihr feinere dämliche Gelehrte, die Ihr nie Euch entscheidet hinter Bibliothekstischen,
Ihr Börsenspieler, die mit schwarzem Hut am Genick schwitzend witzelt in Sprachgemischen.
Ihr Generäle, weißbärtig, schlaflos in Stabsquartieren, Ihr Soldaten in den Leichenrohren der Erde hinter pestigen Aasbarrikaden.
Und Kamerad, Sie, einsam unter tausend Brüdern Kameraden;
Kamerad, und die Brüder, die mit allem zu Ende sind, Dichter, borgende Beamte, unruhige Weltreisende, reiche Frauen ohne Kind,
Weise, höhnische Betrachter, die aus ewigen Gesetzen den kommenden Krieg lehren: Japan-Amerika,
Ihr habt gewartet, nun seid Ihr das Wort und der göttliche Mensch. Und das himmlische Licht ist nah.
Ein Licht flog einst braunhäutig vom Südseegolf hoch, doch die Erde war ein wildes verdauendes Tier.
Eure Eltern starben am Licht, sie zeugten Euch blind. Aber aus Seuche und Mord stiegt Ihr.
Ihr soget den Tod, und das Licht war die Milch, Ihr seid Säulen von Blut und sternscheinendem Diamant.
Ihr seid das Licht. Ihr seid der Mensch. Euch schwillt neu die Erde aus Eurer Hand.
Ihr ruft über die kreisende Erde hin, Euch tönt ‘rück Euer riesiger Menschenmund,
Ihr steht herrlich auf sausender Kugel, wie Gottes Haare im Wind, denn Ihr seid im Erdschein der geistige Bund.
Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden!
Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf himmlischen Erden.
O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Heute bis zum Morgen.
Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder,
Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder!
Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!
O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit!
O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen!
Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!
Aus jeder vergessenen Spalte der Erdschale stoßt den Atemschlag des Geistes in Sonnenstaub!
Wenn ein Baum der Erde den Saft in die weißen Blüten schickt, laßt sie reif platzen, weil Euer Mund ihn beschwört !
O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!
O sagt, daß es unser Mund ist, der die Erdgebirge wie Wolldocken bläst!
Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt!
Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!
Kamerad, Sie werden in Ihrem Bett einen langen Schlaf tun. O träumen Sie, wie Menschen Sie betrogen; Ihre Freunde verließen Sie scheel.
Träumen Sie, wie eingeschlossen Sie waren. Träumen Sie den Krieg, das Bluten der Erde, den millionenstimmigen Mordbefehl,
Träumen Sie Ihre Angst; Ihre Lippen schlossen sich eng, Ihr Atem ging kurz wie das Blätterbeben an erschreckten Ziergesträuchen.
Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
Aber dann wachen Sie auf, und Ihr Wort sprüht ums Rund in Kometen und Feuerbrand.
Sie sind das Auge. Und der schimmernde Raum. Und Sie bauen das neue irdische Land.
Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.
O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Ankunft" von Ludwig Rubiner ist ein kraftvolles und visionäres Werk, das die Menschheit in all ihrer Vielfalt und Komplexität anspricht. Rubiner wendet sich an diejenigen, die oft übersehen oder vergessen werden - die Armen, die Unterdrückten, die Soldaten, die Gelehrten, die Reichen und die Mächtigen. Er ruft sie alle dazu auf, ihre Stimme zu erheben und Teil des göttlichen Menschen zu werden, der das Licht der Hoffnung und des Wandels verkörpert. Der Dichter beschreibt eine Welt, die von Krieg, Hunger und Elend geprägt ist, aber auch von der Möglichkeit der Veränderung und des Aufbruchs. Er malt ein Bild von Menschen, die aus dem Dunkel und dem Tod aufgestiegen sind, gestärkt durch das himmlische Licht. Rubiner betont die Einheit und Verbundenheit aller Menschen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung oder ihrem Schicksal. Er fordert sie auf, ihre Einsamkeit zu überwinden und ihre Stimme zu erheben, um die Welt zu verändern. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zum Handeln und zur Hoffnung. Rubiner ermutigt den Leser, aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit und des Schmerzes aufzuwachen und sein Wort als Waffe des Wandels einzusetzen. Er beschreibt den Menschen als das Auge und den schimmernden Raum, der das neue irdische Land baut. Das Gedicht ist eine kraftvolle Hymne auf die menschliche Fähigkeit zur Veränderung und auf die Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist, wenn wir alle unsere Stimme erheben und gemeinsam handeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schwarzpressender Traum, Vergangenheit, o Schlaf im eisernen Keuchen!
- Anapher
- Kamerad, Sie dürfen nicht schweigen. O wenn Sie wüßten, wie wir geliebt werden! Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind Sternbrüder auf himmlischen Erden. O wir müssen den Mund auftun und laut reden für alle Heute bis zum Morgen. Der letzte Reporter ist unser lieber Bruder, Der Reklamechef der großen Kaufhäuser ist unser Bruder! Jeder, der nicht schweigt, ist unser Bruder!
- Hyperbel
- O sagt es, wie die geliebte grünschillernde Erdkugel über dem Feuerhauch Eures lächelnden Mundes auf und ab tanzte!
- Imperativ
- O zersprengt die Stahlkasematten Eurer Einsamkeit! O springt aus den violetten Grotten, wo Eure Schatten im Dunkel aus Eurem Blut lebend schlürfen! Jede Öffnung, die Ihr in Mauern um Euch schlagt, sei Euer runder Mund zum Licht!
- Kontrast
- Sagt dem besorgten Feldherrn und dem zerzausten Arbeitslosen, der unter den Brücken schläft, daß aus ihrem Mund der himmlische Brand lächelnd quillt! Sagt dem abgesetzten Minister und der frierenden Wanderdirne, sie dürfen nicht sterben, eh hinaus ihr Menschenmund schrillt!
- Metapher
- Ihr Wort stiebt in Regenbogenschein, und die Nacht zerflog, wie im Licht aus den Schornsteinen Ruß.
- Personifikation
- Ihr seid der schallende Mund, der Sturmlauf, das Haus auf der neuen gewölbten Erde Berlin.
- Symbolik
- O Lichtmensch aus Nacht. Ihre Brüder sind wach. Und Ihr Mund laut offen ruft zur Erde den ersten göttlichen Gruß.