Die Ampel
1882An des Jahres Wende sprach ich: Muse, Keiner Mutter Hand beschert mich! Gib mir Du mein Angebinde, Muse! fleht ich. In die Kammer, lauschend von dem Lager, Sah ich bald der Schwestern eine schreiten. Auf mein Tischchen setzt′ sie einer Ampel Zarte Form mit schlankgeschweiften Henkeln, Aber die mir keineswegs antik schien.
Ich erschrak. Was meinst du, Muse? Rätst du Nächtlich auszufeilen meine Verse? Schon entschwebend, wandte sie das Antlitz Halb. Ich sah des Musenhauptes edeln Umriss mit den spottend feinen Lippen … Als ich dann in neuem Jahr erwachte, Keine Ampel! Doch ich fand sie wieder - Und erkannte gleich sie an der zarten Form und an den schlankgeschweiften Henkeln - In des Liebchens Hand, das mir die Treppe Nächtlich hellt′ mit stillen Ampelstrahlen. Scheidend auf die letzte Stufe setzt′ sie Das Geschenk der Muse sacht und küsst′ mich.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ampel" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einem nächtlichen Erlebnis des lyrischen Ichs, das von einer Muse besucht wird. In der Jahreswende bittet der Sprecher die Muse um ein Geschenk, da ihm keine Mutterhand eines bescheren kann. Die Muse erscheint daraufhin in Gestalt einer seiner Schwestern und überreicht ihm eine zarte, schlank geschweifte Ampel. Das lyrische Ich erschrickt und fragt sich, ob die Muse ihm nachts beim Feilen seiner Verse helfen möchte. Bevor es eine Antwort erhält, verschwindet die Muse mit einem spöttischen Lächeln. In der Neujahrsnacht findet das lyrische Ich die Ampel wieder, jedoch nicht mehr in der Hand der Muse, sondern in der seines Liebchens. Das Mädchen nutzt die Ampel, um dem Sprecher auf der Treppe mit ihrem stillen Licht den Weg zu erhellen. Bevor es sich verabschiedet, stellt es das Geschenk der Muse sanft auf die letzte Stufe und küsst den lyrischen Ich. Das Gedicht endet mit einem Hauch von romantischer Zuneigung und der Erkenntnis, dass die Muse das Geschenk durch das Liebchen dem Sprecher überreicht hat. Das Gedicht thematisiert die Beziehung zwischen Kunst, Muse und Liebe. Die Muse als Inspirationsquelle für das lyrische Ich wird durch das Liebchen verkörpert, das ihm nicht nur das Geschenk der Ampel überreicht, sondern ihm auch mit ihrem Licht den Weg erhellt. Die Ampel symbolisiert dabei die kreative Kraft und das künstlerische Schaffen des Sprechers, das durch die Liebe und Zuneigung des Mädchens genährt und unterstützt wird. Das Gedicht vermittelt eine romantische Stimmung und lässt den Leser an der intimen Begegnung zwischen dem lyrischen Ich, der Muse und dem Liebchen teilhaben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schlankgeschweiften Henkeln
- Bildsprache
- Zarte Form mit schlankgeschweiften Henkeln
- Ironie
- Die Muse bringt eine Ampel, die letztendlich von der Liebsten genutzt wird
- Kontrast
- Antike Form vs. moderne Form der Ampel
- Metapher
- Die Ampel als Symbol für Inspiration und Liebe
- Personifikation
- Muse als eine Figur, die dem Sprecher ein Geschenk bringt
- Symbolik
- Die Ampel als Verbindung zwischen Muse und Liebchen