Die Alte

Friedrich von Hagedorn

1708

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit Bestand noch Recht und Billigkeit. Da wurden auch aus Kindern Leute, Aus tugendhaften Mädchen Bräute; Doch alles mit Bescheidenheit. O gute Zeit, o gute Zeit! Es ward kein Jüngling zum Verräter, Und unsre Jungfern freiten später, Sie reizten nicht der Mütter Neid. O gute, Zeit, o gute Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit Befliß man sich der Heimlichkeit. Genoß der Jüngling ein Vergnügen, So war er dankbar und verschwiegen; Doch jetzt entdeckt er’s ungescheut. O schlimme Zeit, o schlimme Zeit! Die Regung mütterlicher Triebe, Der Vorwitz und der Geist der Liebe Fährt jetzt oft schon in’s Flügelkleid. O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht. Der Mann ward, wie es sich geblühret, Von einer lieben Frau regieret, Trotz seiner stolzen Männlichkeit. O gute Zeit, o gute Zeit! Die Fromme herrschte nur gelinder, Uns blieb der Hut und ihm die Kinder; Das war die Mode weit und breit. O gute Zeit, o gute Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit war noch in Ehen Einigkeit. Jetzt darf der Mann uns fast gebieten, Uns widersprechen und uns hüten, Wo man mit Freunden sich erfreut. O schlimme Zeit, o schlimme Zeit! Mit dieser Neuerung im Lande, Mit diesem Fluch im Ehestande Hat ein Komet uns längst bedräut. O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

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Illustration zu Die Alte

Interpretation

Das Gedicht "Die Alte" von Friedrich von Hagedorn thematisiert die nostalgische Sicht einer älteren Frau auf die vermeintlich bessere Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart. Die Sprecherin beklagt den Verlust von Tugend, Bescheidenheit und Heimlichkeit in der heutigen Zeit. Sie idealisiert die Vergangenheit, in der junge Menschen zu verantwortungsvollen Erwachsenen heranwuchsen und Ehen auf gegenseitigem Respekt und Einigkeit beruhten. Die alte Frau beklagt den Wandel in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Früher seien Männer dankbar und diskret gewesen, wenn sie ein Vergnügen genossen hätten, doch heute würden sie es ungeniert preisgeben. Sie kritisiert auch die mangelnde Bescheidenheit der Mädchen, die nicht mehr darauf warteten, dass die Jünglinge sie freiten, sondern selbst aktiv wurden. Die alte Frau sieht in diesen Veränderungen einen Verlust an Tugend und Anstand. Die Sprecherin beklagt auch den Wandel in den Ehen. Früher habe die Frau das Sagen gehabt und der Mann sei dankbar für ihre Führung gewesen. Doch heute herrsche ein anderes Klima, in dem der Mann der Frau fast befehlen und sie einschränken könne. Die alte Frau sieht in dieser Entwicklung eine Bedrohung für das Zusammenleben der Geschlechter und prophezeit, dass ein Komet als Zeichen des Unheils bereits seit langem auf diese Veränderungen hingewiesen habe.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit
Bildsprache
Mit diesem Fluch im Ehestande hat ein Komet uns längst bedräut.
Hyperbel
Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit bestand noch Recht und Billigkeit.
Kontrast
O gute Zeit, o gute Zeit! / O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!
Personifikation
Der Vorwitz und der Geist der Liebe fährt jetzt oft schon in's Flügelkleid.