Die alte Waschfrau
1833Du siehst geschäftig bei dem Linnen die Alte dort in weißem Haar, die rüstigste der Wäscherinnen im sechsundsiebenzigsten Jahr. So hat sie stets mit sauerm Schweiß ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen und ausgefüllt mit treuem Fleiß den Kreis, den Gott ihr zugemessen.
Sie hat in ihren jungen Tagen geliebt, gehofft und sich vermählt; sie hat des Weibes Los getragen, die Sorgen haben nicht gefehlt; sie hat den kranken Mann gepflegt, sie hat drei Kinder ihm geboren; sie hat ihn in das Grab gelegt und Glaub’ und Hoffnung nicht verloren.
Da galt’s, die Kinder zu ernähren; sie griff es an mit heiterm Mut, sie zog sie auf in Zucht und Ehren, der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut. Zu suchen ihren Unterhalt entließ sie segnend ihre Lieben, so stand sie nun allein und alt, ihr war ihr heitrer Mut geblieben.
Sie hat gespart und hat gesonnen und Flachs gekauft und nachts gewacht, den Flachs zu feinem Garn gesponnen, das Garn dem Weber hingebracht; der hat’s gewebt zu Leinewand. Die Schere brauchte sie, die Nadel, und nähte sich mit eigner Hand ihr Sterbehemde sonder Tadel.
Ihr Hemd, ihr Sterbehernd, sie schätzt es, verwahrt’s im Schrein am Ehrenplatz; es ist ihr Erstes und ihr Letztes, ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz. Sie legt es an, des Herren Wort am Sonntag früh sich einzuprägen; dann legt sie’s wohlgefällig fort, bis sie darin zur Ruh sie legen.
Und ich, an meinem Abend, wollte, ich hätte, diesem Weibe gleich, erfüllt, was ich erfüllen sollte in meinen Grenzen und Bereich; ich wollt’, ich hätte so gewußt am Kelch des Lebens mich zu laben, und könnt’ am Ende gleiche Lust an meinem Sterbehemde haben.
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Interpretation
Das Gedicht "Die alte Waschfrau" von Adelbert von Chamisso erzählt die Lebensgeschichte einer fleißigen und rechtschaffenen Frau, die ihr Leben lang hart gearbeitet und dabei stets ihren Glauben und ihre Hoffnung bewahrt hat. Die Waschfrau, die im Alter von sechsundsiebzig Jahren noch immer rüstig und geschäftig bei ihrer Arbeit ist, hat in ihrer Jugend geliebt, geheiratet und drei Kinder zur Welt gebracht. Trotz der Schwierigkeiten, wie der Pflege ihres kranken Mannes und seinem Tod, hat sie nie den Mut verloren und sich mit heiterem Mut den Herausforderungen gestellt. Die Waschfrau hat ihre Kinder alleine großgezogen und ihnen eine gute Erziehung und Werte wie Fleiß und Ordnung vermittelt. Als ihre Kinder erwachsen waren und ihr eigenes Leben begannen, blieb die Frau allein zurück, doch ihr heiterer Mut blieb ihr erhalten. Sie sparte und spann Flachs zu Garn, das sie zum Weber brachte, um Leinwand weben zu lassen. Mit Schere und Nadel nähte sie sich schließlich ihr eigenes Sterbehemd, das sie als ihr wertvollstes Gut betrachtete und sorgfältig aufbewahrte. Das Gedicht endet mit den Gedanken des Erzählers, der sich wünscht, am Ende seines Lebens ebenso erfüllt und zufrieden zu sein wie die alte Waschfrau. Er bewundert ihre Fähigkeit, ihr Leben in den Grenzen, die Gott ihr gesetzt hat, bestmöglich auszufüllen und am Ende ihres Lebens die gleiche Freude an ihrem Sterbehemd zu empfinden wie sie. Die Waschfrau dient dem Erzähler als Vorbild für ein gelingendes und sinnerfülltes Leben, das durch Fleiß, Glauben und Hoffnung geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- liebte, gehofft und sich vermählt
- Bildsprache
- mit sauerm Schweiß ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
- Hyperbel
- die rüstigste der Wäscherinnen
- Kontrast
- Erstes und Letztes
- Metapher
- Kelch des Lebens
- Parallelismus
- Sie hat den kranken Mann gepflegt, sie hat drei Kinder ihm geboren
- Personifikation
- die Sorgen haben nicht gefehlt
- Symbolik
- Sterbehemde