Die alte Brücke

Conrad Ferdinand Meyer

1882

Dein Bogen, grauer Zeit entstammt Steht manch Jahrhundert ausser Amt; Ein neuer Bau ragt über dir: Dort fahren sie! Du feierst hier.

Die Strasse, die getragen du, Deckt Wuchs und rote Blüte zu! Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos, Er dampft aus dumpfem Reussgetos.

Mit einem luftgewobnen Kleid Umschleiert dich Vergangenheit, Und statt des Lebens geht der Traum Auf deines Pfades engem Raum.

Das Carmen, das der Schüler sang, Träumt noch im Felsenwiderklang, Gewieher und Drommetenhall Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.

Du warst nach Rom der arge Weg, Der Kaiser ritt auf deinem Steg, Und Parricida, frevelblass Ward hier vom Staub der Welle nass!

Du brachtest nordwärts manchen Brief, Drin römische Verleumdung schlief, Auf dir mit Söldnern beuteschwer Schlich Pest und schwarzer Tod daher!

Vorbei! Vorüber ohne Spur! Du fielest heim an die Natur, Die dich umwildert, dich umgrünt, Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!

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Illustration zu Die alte Brücke

Interpretation

Das Gedicht "Die alte Brücke" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine alte Brücke, die von der Zeit überholt wurde. Sie steht zwar noch, ist aber nicht mehr in Gebrauch, da eine neue Brücke sie ersetzt hat. Die Brücke ist von der Natur überwuchert und von einer nebligen Atmosphäre umgeben, was ihr ein geheimnisvolles und traumhaftes Aussehen verleiht. Die Brücke hat eine reiche Geschichte, die im Gedicht angedeutet wird. Sie war einst ein wichtiger Weg nach Rom, auf dem Kaiser und andere historische Persönlichkeiten wandelten. Die Brücke war Zeuge von Ereignissen wie dem Tod eines "Parricida" (Muttermörders) und dem Transport von Briefen mit römischer Verleumdung. Auch Pest und der Schwarze Tod sollen über die Brücke gekommen sein. Am Ende des Gedichts wird deutlich, dass die Brücke nun der Natur überlassen ist. Sie ist "heimgefallen" und von Pflanzen überwuchert. Die Natur hat sie "entsühnt" vom menschlichen Tritt und ihr eine neue Bestimmung gegeben. Die Brücke ist zu einem Symbol für die Vergänglichkeit der Zeit und die Übermacht der Natur geworden.

Schlüsselwörter

träumt bogen grauer zeit entstammt steht manch jahrhundert

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos
Anapher
Du warst nach Rom der arge Weg, Der Kaiser ritt auf deinem Steg, Und Parricida, frevelblass Ward hier vom Staub der Welle nass!
Hyperbel
Steht manch Jahrhundert ausser Amt
Kontrast
Ein neuer Bau ragt über dir: Dort fahren sie! Du feierst hier.
Metapher
Mit einem luftgewobnen Kleid Umschleiert dich Vergangenheit
Onomatopoesie
Drommetenhall
Personifikation
Dein Bogen, grauer Zeit entstammt
Synästhesie
Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos, Er dampft aus dumpfem Reussgetos