Die Abassiden

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Unterm Schatten alter Linden Saß vor seines Hauses Gitter Abufar, der Abasside, Still in sich gekehrt und sinnend. Eben ging vor seinen Blicken, Purpurn, in des Meeres Tiefen Allgemach die Sonne nieder, Während, wie durch Laub der Wipfel, Leisen Hauchs, die Abendwinde Durch des Greises Locken spielten, Und er weinte, weinte heiße Zähren;

Weinte recht von Herzen bitter, Als auf seine Söhn’ er blickte, Und gedacht in seinem Sinne: Heute seh ich meine Kinder Wohl zum letztenmal! denn nimmer Wag ich länger, zu verschieben, Was des Schicksals harter Wille Mir gebietet zu vollziehen, Daß es nicht in seinem Grimme, Strafend, mich, den Schuldigen ereile.

Und der Greis mit matter Stimme Rief die Söhne zu dem Sitze Und begann: – Ein hart Geschicke Hielt ich lang vor Euch verschwiegen; Seinen Rathschluß zu vollbringen, Konnt’ ich nimmer mich entschließen. Doch nun hat mich tief im Innern Unnennbare Angst getrieben, Zu gehorchen seinem Winke; Ob mir möge so gelingen, Euch vor grauser Zukunft zu bewahren.

Ja! wenn aus des Meeres Spiegel Morgen steigt die Sonne nieder, Werd’ ich Einmal noch und nimmer Meine Vaterarme schlingen Um den theuern Hals der Kinder! – – Rüstet Euch, von hier zu ziehen! – Wo sich roth der Morgen lichtet, Saffah, wende deine Schritte; Und Du, theurer Kaidar, fliehe Hin gen Abend! Seht die Zinnen Nie des Vaterhauses wieder; Waget niemals Euch zu finden Au demselben Orte. – Das beschwöret!

Denn, o meine Sohne, wisset: Ein Orakel, unheilbringend, Ward dem Haus der Abassiden, »Brüder, die dem Stamm entsprießen, Wenn sie Männerbärte zieren, Müssen, immerdar geschieden, Fern sich bleiben; denn, wo irgend Zween beisammen: hingerissen Von verhängnißvollem Grimme, Würden kämpfend sie, in wildem Morde, Bruderblut vergießen.« – Darum, nach der Väter Sitte, Bann’ ich Euch aus den Gefilden Eurer Heimath fort auf ew’ge Tage!

So der Vater. – Oft erstickten Thränen die bewegte Stimme; Doch die Söhne sehn sie fließen Ungerühret, und beginnen, Seines Kummers lachend: Kindisch Ist der Greis und spricht in Irren! Klüger hätt’ er sich erwiesen, Wenn er uns zu theilen riefe Seine Schätze, als von hinnen Uns in fremdes Land zu schicken. Lebte doch ein Alter nimmer, Bis er wieder wird zum Kinde! Also sprachen sie und ließen Dort den greisen Vater sitzen. – So ward Abufar zum Spott den Söhnen!

In eines Thales stillem Frieden Durch Felsenwände abgeschieden, Sieht man, vom Blüthenbusch umgeben, Ein schimmernd Dach sich freundlich heben.

Die mondeshellen Fenster glänzen Hervor aus dunkeln Laubes Kränzen, Und dicht, fast zu des Hauses Schwelle Drängt sich ein Strom mit blauer Welle.

Rings von der trauten Nacht umflossen, Ist stille Ruhe ausgegossen; Nur auf dem Fluß ein lind Bewegen, Als wär’s von fernen Ruderschlägen.

Schon kommt dort auf den dunklen Wogen Ein Nachen langsam hergezogen; Es tönt aus ihm ein süßes Klingen, Und schön Al Amin hört man singen:

»Du aller Rosen Rose, Thu doch Dein Fenster auf! Laß Deine Schleier wehen, Kein Lauscher wird es sehen, Kein Späher blicket hinauf!« –

»Die Erde liegt im Schlummer, Kein Menschenauge wacht; Die Thäler alle schweigen, Der Mond nur tanzt den Reigen, Und die goldenen Sterne der Nacht!«

»Es schwillt mein Herz voll Sehnen, Mich zieht’s vom Schiffesrand, Möcht stürzen in die Schäume, Möcht fliegen in die Räume, Die über mir ausgespannt!« –

Und bald hört man das Fenster gehen, Und auf dem Söller sieht man stehen, Gehüllt in flatterndes Gewand, Aglawi, die den Ton erkannt.

Ach, ihres Lieblings Schmeichelworte Verlockten sie, zu diesem Orte Zu kommen, Nachts, nun Alles schlief, Und seine theure Stimme rief.

Doch auch dieß Glück soll ihr entschwinden, Und Böses hat sie zu verkünden Dem Jüngling, dem der Busen, voll Von sel’ger Wonne, überschwoll.

Es hatt’ der Aeltern Wille eben Sie einem Andern hingegeben, Beschlossen das verhaßte Band, Wie auch ihr Herz ihm abgewandt.

Die Nacht wird finster und die Nebel, dicht, Umhüllen Mond und Sternenlicht; Nur wilde Thier’ und Räuber ziehn Jetzt durch die düstre Oede hin.

Die Liebe fürchtet nicht Verrath! Sie, die das Herz voll Sorgen hat, Denkt nur der Trennung, die ihr droht, Sie weiß von keiner andern Noth. –

Und von der Felswand dort zur rechten Hand Schwingt ein Mann sich behend in dunklem Gewand, Und von der Felswand linker Seit' Ein andrer Mann herunter gleit’t.

Und Keiner hat den Andern noch gesehn, Obgleich denselben Weg sie gehn. In weite Mäntel sind sie eingehüllt: Der grimme Kaidar ist’s und Saffah wild.

Sie nahn dem Hause, doch es wird das Paar Sich in dem Dunkel nicht gewahr; Sie ahnen nicht, daß gleicher Sinn Sie locket zu Aglawi hin.

Und wie sie unterm Söller stehn, Sie auf dem Fluß den Nachen sehn Und hören, was die Jungfrau fragt, Und hören, was Al Amin sagt:

»Morgen, wenn der Tag verglommen Und die Nacht herunter thaut, Wird mein treuer Diener kommen, Dem ich längst mein Herz vertraut:

Wird Dir leis’ ein Zeichen geben, An das Fenster trete dann, Auf der Leiter niederschweben Läßt Dich unbemerkt der Mann.

Durch der Waldschlucht öde Stege Führet Dich der Treue fort, Wo ich mich auf Kundschaft lege; Daß sich Niemand naht von dort.

Will den Weg uns Jemand schließen, Treff’ ihn da zuerst mein Schwert; Ja, sein Herzblut müsse fließen, Eh’ er unsre Reise stört!« –

Und Saffah wild, in seinem Geist, Und Kaidar schon sich glücklich preist. Und Jeder denkt geheim für sich: Aglawi’s Flucht verhindre ich! –

Wohl will den Weg ich ihr verschließen, Doch erst Al Amins Blut vergießen! Fürwahr, bei des Propheten Haupt! Aglawi wird für mich geraubt! –

Und wieder ist der lichte Tag verscheuchet, Die feuchte Nacht beginnt herabzuthaun; So weit der Blick auch in die Ferne reichet, Es ist kein Stern am Himmelsplan zu schaun. ‘S ist eine Nacht, wo mit geheimem Graun Selbst das Gewild nicht aus den Höhlen schleichet, Und Geister nur sich aus den Gräbern heben Und stöhnend durch die öden Lüfte schweben.

Und stumm ist alles, was die Wildniß hegt, Man würde fern den Zug des Athems hören! Nichts lebt umher, kein Laub ist aufgeregt, Nichts, das die tiefe Stille könnte stören. Nur auf dem Fels, dort unter jenen Föhren, Scheint etwas Graues her, das sich bewegt; Es rauscht, – der Wald erschallt von Fußestritten, Und näher her kommt die Gestalt geschritten.

Es ist ein Mann! – und wie er durch die Schlucht Sich naht, kommt ihm ein Abassid entgegen: Saffah, der wilde, der Al Amin sucht, Mit Pfeil und Bogen, so wie Schützen pflegen. Ihn sieht der Andre wohl sich herbewegen, Doch sinnt fürwahr er nicht auf feige Flucht; Auch er hält schon den Bogen in den Händen, Den Todespfeil dem Gegner zuzusenden.

Und in der Luft beginnt es zu gewittern, Die Donner rollen und die düstre Stell’ Erbebt und wankt – die Felsenhäupter zittern, Oft wird die Schlucht von Blitzesleuchten hell; Doch Jene spannen ihre Waffe schnell, Ob auch um sie die alten Stämme splittern, – Es leuchtet, – blitzt – die sichern Pfeile fliegen – Und blutend, todt – die beiden Schützen liegen.

Seht, es liegen Männer dort erschlagen In der Waldschlucht unwirthbarem Grunde! – Von den Todten, mit gesenkten Bäuchen, Voll gesättigt, kehren heim die Hunde, Und die Adler heben von den Leichen Sich empor mit trägem, schwerem Fluge, Blutgefärbt die Schnäbel und die Klauen!

Und wer sind sie, die, zum Fraß den Hunden, Unbeerdigt liegen in den Klüften? Unglücksel’ge, denen aus den Lüften, Gierig ihres Fleisches zu verschlingen, Niederrauschet hungrig Raubgevögel? Decket sonst doch jeden Todten Erde, Warum liegen diese, frei den Winden? –

Brüder sind es! – Beide Abassiden, Die sich selbst im Wechselmord erschlagen. Fluch der Hand, die an die Leichen rühret, Sie in ihrer Ahnen Gruft zu tragen; Thiere sollen ihre Wunden lecken, Keine Erde soll die Söhne decken, Die den alten Vater einst gehöhnet!

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Illustration zu Die Abassiden

Interpretation

Das Gedicht "Die Abassiden" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt eine tragische Geschichte über den alten Abufar und seine Söhne Saffah und Kaidar. Abufar, der von einem Orakel weiß, dass seine Söhne sich gegenseitig töten werden, wenn sie sich treffen, verbietet ihnen, sich jemals wiederzusehen. Doch seine Söhne halten ihn für senil und ignorieren seinen Rat. In der zweiten Hälfte des Gedichts treffen sich Saffah und Kaidar zufällig in einer Schlucht, beide auf der Suche nach der schönen Aglawi. Sie erkennen sich nicht und beschließen, sich gegenseitig zu töten, um Al Amin, Aglawis Geliebten, zu beseitigen. In einem Gewitterduell schießen sie sich gegenseitig nieder und sterben. Das Gedicht endet mit einer düsteren Szene, in der die Leichen der Brüder von Tieren gefressen werden, da sie nicht würdig genug waren, in der Familiengruft begraben zu werden. Die Tragödie liegt darin, dass die Brüder ihrem Vater nicht geglaubt haben und sich dadurch selbst ins Verderben gestürzt haben.

Schlüsselwörter

nacht kein nimmer saffah fenster herz voll aglawi

Wortwolke

Wortwolke zu Die Abassiden

Stilmittel

Alliteration
Die den alten Vater einst gehöhnet
Hyperbel
Und hören, was Al Amin sagt
Hyperbole
Keine Erde soll die Söhne decken
Metapher
Sie in ihrer Ahnen Gruft zu tragen
Personifikation
Thiere sollen ihre Wunden lecken