Deutscher Brauch

Anastasius Grün

1876

Zur Gruft sank Kaiser Friedrich. Gott geb’ ihm sanfte Ruh! Max faßt sein gülden Zepter, – ei, Sonnenaar, Glück zu! Zu Worms nun hielt er Reichstag. Auf, Fürstenschaar, herbei, Zu rathen und zu fördern, daß Recht und Licht gedeih!

Einst in dem dumpfen Rathsaal sprang Max empor in Hast, Der Staub der Pergamente nahm ihm den Odem fast, Die spitzen, klugen Reden, die machten toll ihn schier, Da rief er seinen Narren: »Freund Kunze, komm’ mit mir!«

Den Treuen liebt er vor Allen, wohl einem Gärtner gleich, Der jeden Baum mit Liebe pflegt in dem Gartenreich, Doch einen sich erkoren, in dessen Schattenhut Nach schwüler Tagesmüh’ er am liebsten Abends ruht.

Es wallten nun die Beiden die Straßen ein und aus, Dort auf dem großen Marktplatz sahn sie ein stattlich Haus, Da rief der Kunz: »Mein König, schließt eure Augen schnell! Denn, traun, schon las manch einer sich blind an dieser Stell’.

Französisch ist’s; ihr wißt ja, wie’s Frankreichs Söhne treiben, Die anders schreiben als sprechen und anders lesen als schreiben Und anders sprechen als denken und anders setzen als singen, Die groß in allem Kleinen und klein in großen Dingen.«

Ein Rittersmann aus Frankreich wohnt in dem stolzen Haus, Sein Wappenschild, hell glänzend, hängt hoch zur Pfort’ heraus, Mit Schnörkelzügen zierlich in blankem Goldesschein Schrieb rings er diese Worte ums bunte Wappen ein:

»Erst Gott zum Gruß, wer’s lieset! Auf, Deutscher, kühn und werth, Hier harrt ein Schild des deinen, wenn kampfesfroh dein Schwert, Und magst du mich bezwingen nach Ritterbrauch und Recht, Will ich mich dir verdingen als letzter Rüdenknecht.«

Stumm schritt der König fürder; doch an des Ritters Schild Hängt bald ein Edelknappe der Habsburg Wappenbild; Und mit dem Frühroth harrend auf sand’gem Kampfesrund, Der König gegenüber dem fränk’schen Ritter stund.

Und säng’ ich, wie er geschwungen das Schwert, sein breites, treues, Wie flink gelenkt den Kampfspeer, so säng’ ich euch nichts Neues; Und sagt’ ich, wie nimmermüde er Hieb und Stoß gesellt, Ihr wißt ja, wie’s der Deutsche genüber dem Franzmann hält.

Und höher stieg die Sonne; der Franzmann lag im Sand, Das Siegesschwert hell leuchtend ragt hoch in Maxens Hand, »So schlägt ein deutscher Ritter!« er sprach’s und stand verklärt, Wie Sankt Michael der Sieger mit seinem Flammenschwert.

»Ihr habt euch mir ergeben als letzter Rüdenknecht, Wohlan, ihr sollt erfahren nun meines Amtes Recht!« Sein Schwert nun schwang er dreimal: »Steht auf, mein Ritter werth! So schlägt ein deutscher König, seid brav wie euer Schwert!«

Sing’s allem Land, ihr Sänger, des Fürsten That und Wort, Neigt euer Schwert, ihr Ritter, vor eueres Kreises Hort, Bekränzt des Siegers Schläfe, ihr schönsten deutschen Fraun, Jauchzt auf, ihr deutschen Herzen, in allen deutschen Gaun!

Viel saft’ge Trauben schwellen ringsher um Worms am Rhein, »Milch unsrer lieben Frauen,« so heißt dort jener Wein; Saugt jene Milch, ihr Greise, sie macht euch wieder zum Kind, O Herr, gib unsrem Lande viel Milch so süß und lind!

Aus Goldgefäßen quoll sie an Maxens Abendtisch, Gleichwie aus goldnen Eutern, so labend und so frisch; Wie zecht’ an Maxens Seite der fränk’sche Rittersmann! Wie wärmend da der Glühborn durch Kunzens Kehle rann!

Der Franzmann hob den Becher, begeistert flammt sein Blut: »Heil Max dir, edler Deutscher, so tapfer und so gut!« »»Hoho!«« rief Kunz halb grimmig, »»jetzt bindet mit mir an, Wert auf dieß Wohl herzinn’ger und besser trinken kann!««

Und säng’ ich, wie er das Kelchglas geschwungen, sein tiefes, treues, Wie flink die Krüg’ entsiegelt, so säng ich euch nichts Neues; Und sagt’ ich, wie nimmermüde er Glas zu Glas gesellt, Ihr wißt, ja, wie’s der Deutsche genüber dem Becher hält.

Wie Schilder klangen die Humpen zusammen hell mit Macht, Die Blicke blitzten genüber wie Lanzen in der Schlacht! Wer fiel, wer stand im Wettkampf? Wohl kam es nie ans Licht; Frug man am Morgen die Beiden, sie wußten’s selber nicht.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Deutscher Brauch

Interpretation

Das Gedicht "Deutscher Brauch" von Anastasius Grün erzählt die Geschichte von Kaiser Maximilian I., der sich aus den langweiligen und ermüdenden Sitzungen des Reichstags zurückzieht, um mit seinem Narren Kunz und einem fränkischen Ritter eine heldenhafte Tat zu vollbringen. Es beginnt mit dem Tod Kaiser Friedrichs und der Übernahme der Macht durch Maximilian, der ein Reichstag in Worms einberuft, um für Recht und Licht zu sorgen. Doch die Sitzungen erweisen sich als mühsam und ermüdend für den Kaiser, der sich mit seinem Narren Kunz auf die Straße begibt. Dort entdecken sie ein stolzes französisches Haus mit einem Schild, auf dem ein französischer Ritter seine Herausforderung an deutsche Ritter ausgeschrieben hat. Maximilian nimmt die Herausforderung an und besiegt den Ritter im Kampf, wodurch er seine Tapferkeit und Stärke als deutscher Ritter und König unter Beweis stellt. Das Gedicht endet mit einer Feier, bei der der besiegte Ritter und Kunz gemeinsam mit Maximilian trinken und ihre Verbundenheit zelebrieren. Die Geschichte wird als typisch deutscher Brauch dargestellt, der Mut, Tapferkeit und Geselligkeit vereint. Das Gedicht ist somit eine patriotische Hymne auf die deutschen Tugenden und die Herrschaft Maximilians I.

Schlüsselwörter

schwert könig anders deutscher ritter säng max recht

Wortwolke

Wortwolke zu Deutscher Brauch

Stilmittel

Alliteration
So saft’ge Trauben schwellen ringsher um Worms am Rhein
Anspielung
Heil Max dir, edler Deutscher, so tapfer und so gut!
Bildsprache
Aus Goldgefäßen quoll sie an Maxens Abendtisch, Gleichwie aus goldnen Eutern, so labend und so frisch
Hyperbel
Wohl kam es nie ans Licht; Fragt man am Morgen die Beiden, sie wußten’s selber nicht
Kontrast
Die anders schreiben als sprechen und anders lesen als schreiben Und anders sprechen als denken und anders setzen als singen
Metapher
Zur Gruft sank Kaiser Friedrich. Gott geb’ ihm sanfte Ruh!
Personifikation
Der Staub der Pergamente nahm ihm den Odem fast
Symbolik
Wie Sankt Michael der Sieger mit seinem Flammenschwert
Vergleich
Der Franzmann hob den Becher, begeistert flammt sein Blut