Deutsche Kaiserkrone

Anastasius Grün

1907

Wie hat im letzten Märzen Der Sonnenbrand gekocht, Wie habt ihr deutschen Herzen Gelodert und gepocht! Eu′r Pochen, das zermalmte Die ehrnen Götzen im Fall, Von eurem Lodern qualmte Zerschmelzend Kronmetall.

Und Frankfurt hieß die Esse, Dort steigt aus Flammen wohl, Daß sich′s in Formen presse, Der neuen Zeit Symbol; Die Gluth verzehrt den Flitter, Womit sich Schmach umhing, Und schmilzt die Trümmer und Splitter Zum mächt′gen Einheitsring.

Im neuen Märzen ging es Aus dunkler Form zu Tag: Da statt des mächt′gen Ringes Ein machtlos Krönchen lag. Ein Schrei erscholl im Lande: Weh, ein mißrathner Guß! Solch′ ungeheurem Brande So jammervoller Schluß!

Dieß Mißgeschick zu heilen Erlahmt noch manche Hand; Lang müßt ihr feilen, feilen Die Zacken vom Kronenrand, Wenn nicht, sie umzuschmelzen, Aufs neu es lodern muß Und eherne Wogen wälzen Zu neuem, bessern Guß!

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Illustration zu Deutsche Kaiserkrone

Interpretation

Das Gedicht "Deutsche Kaiserkrone" von Anastasius Grün schildert die gescheiterte Revolution von 1848/49 und die Hoffnung auf eine erneute Einigung Deutschlands. Im ersten Teil wird die Begeisterung und das Aufbegehren der deutschen Herzen beschrieben, die die alten Strukturen zum Einsturz brachten und den Grundstein für eine neue Zeit legten. Frankfurt wird als Schmelzofen der Revolution dargestellt, in dem die alten Symbole der Unterdrückung verzehrt und zu einem mächtigen Einheitsring geschmolzen werden. Im zweiten Teil wendet sich das Gedicht dem bitteren Ergebnis der Revolution zu. Anstelle des erhofften mächtigen Ringes der Einheit liegt nur ein machtloses Krönchen da. Der Schrei des Volkes über diesen misslungenen Versuch, das deutsche Kaiserreich zu errichten, hallt durchs Land. Die Hoffnung auf einen würdigen Abschluss der Revolution ist zerschlagen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Notwendigkeit einer erneuten Anstrengung betont. Die Hände vieler sind noch immer nicht müde, die Fehler der Vergangenheit auszubügeln. Doch der Prozess des Feilens an den Zacken der Krone ist mühsam und langwierig. Nur durch erneutes Auflodern der Revolution und das Aufwühlen der ehernen Wogen kann ein neuer, besserer Versuch unternommen werden, um das deutsche Kaiserreich zu errichten.

Schlüsselwörter

märzen lodern neuen mächt gen guß feilen letzten

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 'm' Lautes in 'mächt'gem Ringes' und 'machtlos Krönchen'.
Hyperbel
Die Beschreibung des 'ungeheuren Brandes' und des 'jammervollen Schließens'.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem 'mächt'gen Ring' und dem 'machtlos Krönchen'.
Metapher
Die 'ehernen Wogen' symbolisieren die erneuten Anstrengungen, die nötig sind, um einen 'bessern Guß' zu erreichen.
Personifikation
Die Herzen der Deutschen werden als 'lodern und pochen' beschrieben, als ob sie lebendig wären.
Symbolik
Frankfurt wird als 'Esse' dargestellt, in der die neue Zeit geformt wird.