Des Woiewoden Tochter
unknownEs steht im Wald, im tiefen Wald Das Haus des Woiewoden; Eiszapfen hangen am Dache kalt, Und Schnee bedeckt den Boden.
Das Fräulein sitzt am Herd und spinnt Zu ihrem Hochzeitschleier; Sie hört im Rauchfang gehn den Wind Und schürt empor das Feuer.
Da tritt die Waldfrau zu ihr ein, Die pflegt nichts Guts zu bringen: »Guten Abend, feines Goldtöchterlein! Will dir ein Liedchen singen!«
»Was sollen deine Lieder mir? Mein Liebster, der kommt balde. Da hast du Brot, da hast du Bier, Geh wieder heim zum Walde!«
Die Alte sprach. »Hast immer Zeit Dein Schatz wird nimmer kommen, Der Wald ist tief, der Weg ist weit; Hat andern Weg genommen.«
»Was quälst du mich mit falschem Weh? Treu wird mein Liebster bleiben, Er schwur es mir, bis aus dem Schnee Einst rote Röslein treiben.«
Das Fräulein rief′s, doch ward ihr bang, Der Wind pfiff nicht geheuer, Die Alte blieb, die Alte sang Ihr dumpfes Lied ins Feuer:
»Und als ich ging die Schlucht entlang, Da kamen drei Wölfe gesprungen, Die heulten wie ob gutem Fang Und hatten blutige Zungen.
Und als ich kam zum Fichtenzaun, Drei Raben hört ich schreien; Sie schrien: ihr Jungen, euch soll traun Der frische Schmaus gedeihen!
Und als ich kam zum eisgen See, Hab ich einen Knaben gefunden! Es floß wohl über den Winterschnee Sein Blut aus tiefen Wunden.
Rot Röslein blüht aus dem Schnee so kalt, Nun hast du′s selbst vernommen. Der Weg ist weit und tief der Wald, Dein Schatz wird nimmer kommen.«
Das Lied war aus, die Alte fort, Des Herdes Glut vergangen, Die Jungfrau saß und sprach kein Wort, Ihr waren so bleich die Wangen.
Und lauter draußen pfiff der Wind, Und lauter schrien die Raben. Drei Tage nach diesem hat sein Kind Der Woiewod begraben.
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Interpretation
Das Gedicht "Des Woiewoden Tochter" von Emmanuel Geibel erzählt die tragische Geschichte eines jungen Mädchens, das auf die Hochzeit mit ihrem Liebsten wartet. In einem Waldhaus sitzt sie am Herd und spinnt ihren Hochzeitschleier, während sie die Hoffnung auf das baldige Eintreffen ihres Liebsten aufrecht erhält. Die Atmosphäre ist düster und kalt, was durch die Beschreibung des Hauses mit Eiszapfen und Schnee auf dem Boden verstärkt wird. Die Waldfrau, eine Gestalt des Unheils, tritt ein und versucht, das Mädchen mit Liedern zu trösten, die jedoch eine düstere Vorahnung enthalten. Sie behauptet, dass der Liebste nicht kommen wird, da der Weg weit und der Wald tief ist. Das Mädchen weist die Alte ab, doch ihre Zuversicht schwindet, als die Alte ihre beunruhigenden Lieder singt. Diese enthalten düstere Bilder von Wölfen, Raben und einem verletzten Knaben, der Blut vergießt, was auf den Tod des Liebsten hindeutet. Die Worte der Waldfrau bewahrheiten sich, als das Mädchen nach drei Tagen stirbt und ihr Vater, der Woiewod, sie begräbt. Das Gedicht endet mit einer Atmosphäre der Verzweiflung und des Verlustes, wobei die Natur um das Haus herum weiterhin unheimlich und bedrohlich wirkt. Die Geschichte verdeutlicht die Unausweichlichkeit des Schicksals und die Nutzlosigkeit der Hoffnung angesichts übermächtiger Kräfte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Eiszapfen hangen am Dache kalt
- Bildsprache
- Drei Tage nach diesem hat sein Kind Der Woiewod begraben
- Direkte Rede
- Dein Schatz wird nimmer kommen.«
- Metapher
- Ihr waren so bleich die Wangen
- Personifikation
- Und lauter schrien die Raben