Des Sängers Fluch
1906Es stand in alten Zeiten ein Schloß, so hoch und hehr, Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer, Und rings von duft′gen Gärten ein blütenreicher Kranz, Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.
Dort saß ein stolzer König, an Land und Siegen reich, Er saß auf seinem Throne so finster und so bleich; Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut, Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.
Einst zog nach diesem Schlosse ein edles Sängerpaar, Der ein′ in goldnen Locken, der andre grau von Haar; Der Alte mit der Harfe, der saß auf schmuckem Roß, Es schritt ihm frisch zur Seite der blühende Genoß.
Der Alte sprach zum Jungen: “Nun sei bereit, mein Sohn! Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton! Nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz! Es gilt uns heut, zu rühren des Königs steinern Herz.”
Schon stehn die beiden Sänger im hohen Säulensaal, Und auf dem Throne sitzen der König und sein Gemahl, Der König furchtbar prächtig wie blut′ger Nordlichtschein, Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein.
Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll, Daß reicher, immer reicher der Klang zum Ohre schwoll; Dann strömte himmlisch helle des Jünglings Stimme vor, Des Alten Sang dazwischen wie dumpfer Geisterchor.
Sie singen von Lenz und Liebe, von sel′ger goldner Zeit Von Freiheit, Männerwürde, von Treu′ und Heiligkeit, Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt, Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.
Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott, Des Königs trotz′ge Krieger, sie beugen sich vor Gott; Die Königin, zerflossen in Wehmut und in Lust, Sie wirft den Sängern nieder die Rose von ihrer Brust.
“Ihr habt mein Volk verführet; verlockt ihr nun mein Weib?” Der König schreit es wütend, er bebt am ganzen Leib; Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt. Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.
Und wie vom Sturm zerstoben ist all der Hörer Schwarm. Der Jüngling hat verröchelt in seines Meisters Arm; Der schlägt um ihn den Mantel und setzt ihn auf das Roß, Er bind′t ihn aufrecht feste, verläßt mit ihm das Schloß.
Doch vor dem hohen Thore, da hält der Sängergreis, Da faßt er seine Harfe, sie, aller Harfen Preis, An einer Marmorsäule, da hat er sie zerschellt; Dann ruft er, daß es schaurig durch Schloß und Gärten gellt:
“Weh euch, ihr stolzen Hallen! Nie töne süßer Klang Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Gesang, Nein, Seufzer nur und Stöhnen und scheuer Sklavenschritt, Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeist zertritt!
Weh euch, ihr duft′gen Gärten im holden Maienlicht! Euch zeig′ ich dieses Toten entstelltes Angesicht, Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell versiegt, Daß ihr in künft′gen Tagen versteint, verödet liegt.
Weh dir, verruchter Mörder! du Fluch des Sängertums! Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut′gen Ruhms! Dein Name sei vergessen, in ew′ge Nacht getaucht, Sei wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!”
Der Alte hat′s gerufen, der Himmel hat′s gehört, Die Mauern liegen nieder, die Hallen sind zerstört; Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundner Pracht; Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht.
Und rings statt duft′ger Gärten ein ödes Heideland, Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand, Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch; Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch!
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Interpretation
Das Gedicht "Des Sängers Fluch" von Ludwig Uhland handelt von einem stolzen und grausamen König, der in seinem Schloss über Land und Sieg herrscht. Das Schloss liegt hoch und prächtig, umgeben von duftenden Gärten und bunten Brunnen. Der König selbst ist finster und bleich, seine Gedanken sind voller Schrecken und seine Blicke voller Wut. Seine Worte sind wie Geißeln und sein Schreiben wie Blut. Zwei edle Sänger, ein alter Mann mit goldgelocktem Haar und ein junger Mann mit grauem Haar, kommen zum Schloss, um den König mit ihren Liedern zu erweichen. Der alte Sänger bittet den jungen, all seine Kraft und Emotionen in den Gesang zu legen, um das steinige Herz des Königs zu berühren. Im Saal singen sie von Frühling, Liebe, Freiheit, Männlichkeit, Treue und Heiligkeit. Ihre Lieder sind so ergreifend, dass sogar der König und seine Krieger sich vor Gott beugen und die Königin eine Rose von ihrer Brust auf die Sänger wirft. Doch der König, von Eifersucht getrieben, beschuldigt die Sänger, sein Volk und seine Frau verführt zu haben. In einem Wutanfall wirft er sein Schwert und tötet den jungen Sänger. Der alte Sänger nimmt den Leichnam auf sein Pferd und verlässt das Schloss. Vor dem Tor zertrümmert er seine wertvolle Harfe an einer Säule und verflucht das Schloss, die Gärten und den König. Er prophezeit, dass das Schloss zu Schutt und Moder zerfallen wird, die Gärten verdorren und der Name des Königs vergessen sein wird. Der Fluch des Sängers erfüllt sich, das Schloss liegt in Trümmern, die Gärten sind zu einer öden Heide geworden und der Name des Königs ist versunken und vergessen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da schlug der Greis die Saiten, er schlug sie wundervoll
- Bildsprache
- Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz
- Hyperbel
- Denk unsrer tiefsten Lieder, stimm an den vollsten Ton
- Kontrast
- Der König furchtbar prächtig wie blut'ger Nordlichtschein, Die Königin süß und milde, als blickte Vollmond drein
- Metapher
- Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch
- Personifikation
- Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut
- Symbolik
- Des Königs trotz'ge Krieger, sie beugen sich vor Gott