Des Finken Abschied

Wilhelm Müller

1906

Es saß ein Fink auf grünem Zweig, Der war so frisch und blätterreich, Und sang wohl dies und jenes; Durch Lenz und Sommer und Herbst er sang, Hätt da gesungen sein Lebelang, Wär nicht der Winter kommen.

Der Winter kam mit Saus und Braus: »Ihr Müßiggänger, zum Reich heraus, Ihr Flattrer und Sänger und Horcher! Herab vom Baum, du grünes Blatt! Zum Bauen und zum Brennen hat Der Herr das Holz erschaffen.«

Da geht im Hain das Schütteln los, Und flugs steht alles blank und bloß, Bis auf den Zweig des Finken. Jetzt, naseweises Vöglein, flieh! Mit solcher Staatsökonomie Da ist nicht viel zu spaßen.

Und ′s Vöglein flog und sang: »Ade!« Da warf der Winter Reif und Schnee Ihm hintendrein, und trafs nicht. Der Finke lacht′ aus voller Kehl: »Bewahre Gott jede Christenseel Vor diesem Landesvater!«

Und als ich ′mal nach Welschland zog, Manch Vöglein mit dem Wandrer flog, Da war auch jenes drunter: Und wär′s gewest eine Nachtigall, So hätt mein Lied einen bessern Schall, Ich hab′s ihm nachgesungen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Des Finken Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Des Finken Abschied" von Wilhelm Müller erzählt von einem Fink, der auf einem grünen Zweig sitzt und durch die Jahreszeiten hindurch singt. Der Winter kommt und fordert die Vögel auf, den Baum zu verlassen, da das Holz zum Bauen und Brennen da ist. Der Zweig des Finken bleibt jedoch stehen, und das Vöglein fliegt davon und singt "Ade!". Der Winter wirft Reif und Schnee hinterher, doch der Fink lacht und wünscht sich, dass jede Christenseele vor diesem "Landesvater" bewahrt bleibe. Die Interpretation des Gedichts lässt sich in drei bis vier Absätzen zusammenfassen. Der erste Abschnitt beschreibt die idyllische Szene des Finkens, der auf einem grünen Zweig sitzt und durch die Jahreszeiten hindurch singt. Der zweite Abschnitt schildert den Einbruch des Winters und seine Forderung an die Vögel, den Baum zu verlassen. Der dritte Abschnitt beschreibt das Verhalten des Finkens, der trotz der Drohung des Winters auf seinem Zweig bleibt und davonfliegt, als der Winter Reif und Schnee nachwirft. Der letzte Abschnitt des Gedichts deutet an, dass der Sprecher, der nach Welschland reist, den Gesang des Finkens nachsingt und ihm somit eine Art Hommage erweist.

Schlüsselwörter

sang winter vöglein zweig hätt wär flog saß

Wortwolke

Wortwolke zu Des Finken Abschied

Stilmittel

Metapher
So hätt mein Lied einen bessern Schall
Personifikation
Ich hab′s ihm nachgesungen