Der zufriedene Greis

Johann Heinrich Voß

1772

Ein Nachbar von Gleims Hüttchen

Ich sitze gern im Kühlen Auf meinerKnüppelbank, Und seh im Winde wühlen Das Rokkenfeld entlang. Dann flecht ich Stühl’ und Körbe, Und sing, und denke wohl: Bald sagt des Holzes Kerbe, Die vierte Stieg ist voll.

Wie unvermerkt doch schlendert Die liebe Zeit dahin! Gar viel hat sich verändert, Seit ich im Dorfe bin. So manches Jugendspielers Gedenk ich: Ach der war! Der Sohn des Nebenschülers Hat auch schon graues Haar.

Wer hören mag, der höret Mich oft von alter Zeit: Wer da und dort verkehret, Wer dies und das verneut. Ich weiß des Krams nicht minder, Als unsers Kirchturms Knopf; Das Neue nur, ihr Kinder, Behalt ich nicht im Kopf.

Ich mag’s auch nicht behalten, Ob’s abschreckt oderkörnt; Ich habe längst am Alten Mein Sprüchlein ausgelernt: Der Mensch im Anfanglaunet, Und findet manches hart; Er wird’s gewohnt, und staunet, Wie gut es endlich ward.

Du wirk ohn umzugaffen, Und übe deine Pflicht. Will Gott was Neues schaffen, So widerstrebe nicht. Wie seltsam er oft bessert, Er übersieht uns weit: Was klein war, wird vergrößert, Das Große wird zerstreut.

Fürwahr im Himmel waltet, Der wohl zu walten weiß; Der Alte, der nie alter, Der lenkt der Dinge Gleis. Gewitter, Sturm und Regen Erheitern Luft und Flur. Bebt nicht vor Donnerschlägen; Der Alte bessert nur.

Jetzt naht er manchem Volke Mit Strafgericht und Graus, Und donnert aus der Wolke; Getrost! er bessert aus. Drum laß ich ohne Kummer Es gehen, wie es geht: Als ob in halbem Schlummer Um mich der Schatten weht.

worauf ich zuerst sitzen mußte, gab Anlaß zu diesem Liede.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Der zufriedene Greis

Interpretation

Das Gedicht "Der zufriedene Greis" von Johann Heinrich Voß beschreibt die Gelassenheit und Zufriedenheit eines alten Mannes, der in seinem Kämmerchen sitzt und sich mit einfachen Tätigkeiten wie dem Flechten von Stühlen und Körben beschäftigt. Der Greis blickt zurück auf sein Leben und erinnert sich an vergangene Zeiten, ohne sich jedoch an die neuesten Entwicklungen zu stören. Er hat ein Sprichwort gelernt, das ihm hilft, mit den Veränderungen im Leben umzugehen: "Der Mensch im Anfang launet, und findet manches hart; er wird's gewohnt, und staunet, wie gut es endlich ward." Der Greis akzeptiert die Vergänglichkeit der Zeit und die Veränderungen im Leben. Er ist nicht besorgt über das Neue und Unbekannte, sondern vertraut darauf, dass alles seinen richtigen Platz finden wird. Er glaubt an eine höhere Macht, die das Schicksal lenkt und alles zum Guten wendet. Auch in Zeiten des Unheils und der Not bleibt er gelassen und vertraut darauf, dass alles einen Sinn hat. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Gelassenheit und des Vertrauens in das Schicksal. Der Greis ist ein Vorbild für ein zufriedenes und erfülltes Leben, das sich nicht von äußeren Umständen beeinflussen lässt. Er lehrt uns, die Vergänglichkeit des Lebens zu akzeptieren und die Gegenwart zu genießen, ohne uns über die Zukunft Sorgen zu machen.

Schlüsselwörter

bessert zeit manches mag oft alter weiß alte

Wortwolke

Wortwolke zu Der zufriedene Greis

Stilmittel

Alliteration
Auf meinerKnüppelbank
Anapher
Wer hören mag, der höret
Hyperbel
So manches Jugendspielers Gedenk ich
Metapher
Der Alte bessert nur
Personifikation
Gewitter, Sturm und Regen Erheitern Luft und Flur
Vergleich
Als ob in halbem Schlummer Um mich der Schatten weht