Der Zürchersee
1724Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, Das den großen Gedanken Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her, Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf, Komm in rötendem Strahle Auf dem Flügel der Abendluft,
Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein, Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren Schnellen Jauchzen des Jünglings, Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt; Schon war manches Gebirge Voll von Reben vorbeigeflohn.
Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh, Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender, Schon verriet es beredter Sich der schönen Begleiterin.
“Hallers Doris”, die sang, selber des Liedes wert, Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt; Und wir Jünglinge sangen Und empfanden wie Hagedorn.
Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt; Da, da kamest du, Freude! Volles Maßes auf uns herab!
Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich! Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit, Deiner Unschuld Gespielin, Die sich über uns ganz ergoß!
Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch, Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft In der Jünglinge Herzen, Und die Herzen der Mädchen gießt.
Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich Jede blühende Brust schöner, und bebender, Lauter redet der Liebe Nun entzauberter Mund durch dich!
Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen, Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt, Im sokratischen Becher Von der tauenden Ros’ umkränzt;
Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen, Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt, Wenn er lehret verachten, Was nicht würdig des Weisen ist.
Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit Ist ein großer Gedanke, Ist des Schweißes der Edlen wert!
Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton Oft beim Namen genennet, Oft gerufen vom Grabe her,
Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich, Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz, Ist, beim Himmel! nicht wenig! Ist des Schweißes der Edlen wert!
Aber süßer ist noch, schöner und reizender, In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein! So das Leben genießen, Nicht unwürdig der Ewigkeit!
Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen, In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick Auf die silberne Welle, Tat ich schweigend den frommen Wunsch:
Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt, In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut, Die in seligen Stunden Meine suchende Seele fand;
O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns! Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald Wandelt, uns sich in Tempe, Jenes Tal in Elysium!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Zürchersee" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist ein Loblied auf die Natur und die Freude, die sie dem Menschen bringen kann. Der Dichter beschreibt die Schönheit des Zürchersees und seiner Umgebung, wobei er besonders die Abendstimmung und die Wirkung des Weins auf die Stimmung und das Empfinden der Menschen hervorhebt. Er vergleicht die Freude mit einer Göttin, die sich über die Menschen ergießt und ihre Herzen begeistert. Das Gedicht ist auch ein Loblied auf die Freundschaft und die Liebe. Der Dichter wünscht sich, dass seine Freunde, die weit von ihm entfernt sind, bei ihm am Zürchersee sein könnten, um gemeinsam Hütten der Freundschaft zu bauen und ewig in dieser paradiesischen Umgebung zu wohnen. Er vergleicht den Wald mit dem Tempe, einem Tal in Griechenland, das als heiliger Ort der Musen galt, und das Tal mit dem Elysium, dem Ort der Seligen in der griechischen Mythologie. Das Gedicht ist ein Beispiel für die empfindsame Dichtung des 18. Jahrhunderts, die sich durch eine starke Hinwendung zur Natur, zur Emotion und zur Individualität auszeichnet. Der Dichter verwendet eine lyrische Sprache, die voller Bilder und Metaphern ist, um seine Eindrücke und Gefühle auszudrücken. Er verwendet auch Anspielungen auf andere Dichter und Werke, wie Haller, Hirtel, Kleist, Hagedorn, Sokrates und die griechische Mythologie, um seine Gedanken zu veranschaulichen und zu vertiefen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schon war manches Gebirge
- Anapher
- Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein
- Hyperbel
- Ist des Schweißes der Edlen wert
- Metapher
- Jenes Tal in Elysium
- Personifikation
- Lieblich winket der Wein
- Vergleich
- Wandeln, uns sich in Tempe