Der Zoologe von Berlin
1891Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen Einem Zoologen in Berlin! Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen Vor den Untersuchungsrichter hin. Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen, Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen, Daß beleidigt er die Majestät.
Dieser sprach: “Herr Richter, ungeheuer Ist die Schuld, die man mir unterlegt; Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer, Hat noch nirgends Ärgernis erregt. Soweit ist die Wissenschaft gediehen, Daß es längst in Kinderbüchern steht. Wenn Sie das auf Majestät beziehen, Dann beleidigen Sie die Majestät!
Vor der Majestät, das kann ich schwören, Hegt ich stets den schuldigsten Respekt; Ja, es freut mich oft sogar zu hören, Wenn man den Beleidiger entdeckt; Denn dann wird die Majestät erst sehen, Ob sie majestätisch nach Gebühr. Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen, Zweifelsohne doch ein Säugetier.
Ebenso hab vor den Staatsgewalten Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt, Auf Kommando oft das Maul gehalten Und vor Anarchisten ausgespuckt. Auch wo Spitzel horchen in Vereinen, Sprach ich immer harmlos wie ein Kind. Aber deshalb kann ich von den Schweinen Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.
Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter, Unbegrenzten menschlichen Respekt! Läßt du doch die ärgsten Bösewichter In Berlin gewöhnlich unentdeckt. Doch wenn hochzurufen ich mich sehne Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau, Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne? Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?”
Also war das Wort des Zoologen, Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt; Und nachdem man alles wohl erwogen, Ward der Mann zu einem Jahr verknallt. Deshalb vor Zoologie-Studieren Hüte sich ein jeder, wenn er jung; Denn es schlummert in den meisten Tieren Eine Majestätsbeleidigung.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Zoologe von Berlin" von Frank Wedekind thematisiert die Absurdität und Willkür von staatlicher Autorität und Justiz. Es erzählt die Geschichte eines Zoologen, der in Berlin von einem Polizisten verhaftet und vor einen Untersuchungsrichter gebracht wird. Der Richter beschuldigt ihn, die Majestät beleidigt zu haben, doch der Zoologe verteidigt sich mit wissenschaftlichen Fakten und kritischen Bemerkungen über die Obrigkeit. Der Zoologe argumentiert, dass seine Aussagen über Tiere, wie zum Beispiel dass eine Kuh ein Wiederkäuer ist oder ein Mops ein Säugetier, keine Majestätsbeleidigung darstellen können. Er betont, dass er stets Respekt vor der Majestät und den Staatsgewalten gehabt habe, aber nicht bereit ist, Unwahrheiten zu akzeptieren oder zu verbreiten. Der Zoologe kritisiert auch die selektive Strafverfolgung durch den Richter, der schwere Verbrecher ungestraft lässt, aber über kleinere Vergehen herfällt. Am Ende wird der Zoologe trotz seiner plausiblen Verteidigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das Gedicht endet mit einer Warnung an alle, die Zoologie studieren wollen, da in den meisten Tieren eine "Majestätsbeleidigung" schlummert. Diese absurde Schlussfolgerung unterstreicht die Kritik an der Willkür und Unvernunft der staatlichen Autoritäten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
- Anspielung
- Und nachdem man alles wohl erwogen, Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
- Hyperbel
- Denn dann wird die Majestät erst sehen, Ob sie majestätisch nach Gebühr.
- Ironie
- Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen Einem Zoologen in Berlin!
- Kontrast
- Doch wenn hochzurufen ich mich sehne Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau, Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
- Metapher
- Denn es schlummert in den meisten Tieren Eine Majestätsbeleidigung.
- Personifikation
- Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen, Daß beleidigt er die Majestät.
- Wiederholung
- Vor der Majestät, das kann ich schwören, Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;