Der Zeuge
1874Fluch, Kaiser, dir! Ich spüre deine Hand, an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland! Sie riecht nach Pest und allem Untergang. Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang! Dein Lachen Lüge und dein Hochmut Haß, dein Zorn ist deiner Kleinheit Übermaß, der alle Grenze, alles Maß verrückt, um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt. Vom Rhein erschüttert ward sie bis zum Ganges durch einen Heldenspieler zweiten Ranges! Der alten Welt warst du doch kein Erhalter, gabst du ihr Plunder aus dem Mittelalter. Verödet wurde ihre Phantasie von einem ritterlichen Weltkommis! Nahmst ihr das Blut aus ihren besten Adern mit deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern. Nie würde sie aus Dreck und Feuer geboren! Mit deinem Gott hast du die Schlacht verloren! Die offenbarte Welt, so aufgemacht, von deinem Wahn um ihren Sinn gebracht, so zugemacht, ist sie nur Fertigware, mit der der Teufel zu der Hölle fahre! Von Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden, regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden. Rüstzeug des Herrn! Wir werde ihn erst preisen, wirft es dich endlich zu dem alten Eisen! Komm her und sieh, wie sich ein Stern gebiert, wenn man die Zeit mit Munition regiert! Laß deinen Kanzler, deine Diplomaten durch dieses Meer von Blut und Tränen waten! Fluch, Kaiser, dir und Fluch auch deiner Brut, hinreichend Blut, ertränk sie in der Flut! Ich sterbe, einer deutschen Mutter Sohn. Doch zeug′ ich gegen dich vor Gottes Thron!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Zeuge" von Karl Kraus ist eine scharfe Anklage gegen den Kaiser und die politische Führung, die den Ersten Weltkrieg verantwortet. Der Sprecher, ein sterbender Soldat, verflucht den Kaiser und seine Herrschaft. Er beschreibt den Kaiser als eine giftige, zerstörerische Kraft, die mit Lüge, Hass und Übermaß an Zorn regiert. Der Kaiser wird als "Heldenspieler zweiten Ranges" bezeichnet, der die alte Welt nicht erhält, sondern mit mittelalterlichem Plunder und ritterlichem Weltkommis verödet. Der Sprecher wirft dem Kaiser vor, das Blut der besten Menschen für seine Ziele geopfert zu haben und mit seinem Gott die Schlacht verloren zu haben. Der Sprecher beschreibt die Welt als von dem Wahn des Kaisers um ihren Sinn gebracht und als Fertigware, die der Teufel zur Hölle fahren lässt. Der Kaiser wird als Rüstzeug des Herrn bezeichnet, der die Welt zu Rauch und Schwefelschwaden regiert. Der Sprecher wünscht sich, dass der Kaiser und seine Brut in Blut und Tränen ertrinken. Trotz seines nahenden Todes als Sohn einer deutschen Mutter, schwört der Sprecher, gegen den Kaiser vor Gottes Thron auszusagen. Das Gedicht ist eine kraftvolle Anklage gegen den Krieg und die politische Führung, die ihn verantwortet. Es zeigt die Verzweiflung und den Zorn eines Soldaten, der die Zerstörung und den Verlust, den der Krieg verursacht hat, am eigenen Leib erfährt. Der Sprecher verflucht den Kaiser und seine Herrschaft und wünscht sich, dass sie für ihre Taten vor Gott zur Rechenschaft gezogen werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [deiner Diplomaten durch dieses deutschen Mutter]
- Anapher
- [Fluch, Kaiser, dir und Fluch auch deiner Brut]
- Hyperbel
- [um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt. durch dieses Meer von Blut und Tränen waten! hinreichend Blut, ertränk sie in der Flut!]
- Metapher
- [an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland! Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang! Dein Zorn ist deiner Kleinheit Übermaß um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt. von einem ritterlichen Weltkommis! mit deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern. Mit deinem Gott hast du die Schlacht verloren! ist sie nur Fertigware mit der der Teufel zu der Hölle fahre! regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden. Rüstzeug des Herrn! wenn man die Zeit mit Munition regiert! durch dieses Meer von Blut und Tränen waten! ertränk sie in der Flut!]
- Metonymie
- [deinen Kanzler, deine Diplomaten]
- Personifikation
- [Von Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden, regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden.]
- Symbolik
- [Vom Rhein erschüttert ward sie bis zum Ganges deiner Kleinheit Übermaß deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern deinem Gott Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden Rüstzeug des Herrn vor Gottes Thron]