Der Würfel
1871Ein Würfel sprach zu sich: “Ich bin mir selbst nicht völlig zum Gewinn!
Denn meines Wesens sechste Seite, und sei es auch Ein Auge bloß, sieht immerdar, statt in die Weite, der Erde ewig dunklen Schoß.”
Als dies die Erde, drauf er ruhte, vernommen, ward ihr schlimm zumute.
“Du Esel,” sprach sie, “ich bin dunkel, weil dein Gesäß mich just bedeckt! Ich bin so licht wie ein Karfunkel, sobald du dich hinweggefleckt.”
Der Würfel, innerlichst beleidigt, hat sich nicht weiter drauf verteidigt.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Würfel" von Christian Morgenstern erzählt von einem Würfel, der sich selbst kritisch betrachtet. Er bedauert, dass seine sechste Seite, selbst wenn sie nur ein Auge hätte, immer den dunklen Schoß der Erde sehen müsste, anstatt in die Weite zu blicken. Dies zeigt die Selbstreflexion des Würfels und seine Unzufriedenheit mit seiner Situation. Die Erde, auf der der Würfel ruht, hört diese Selbstkritik und fühlt sich beleidigt. Sie erklärt dem Würfel, dass sie nicht von Natur aus dunkel sei, sondern nur dunkel erscheine, weil der Würfel auf ihr liege. Die Erde betont, dass sie so licht sei wie ein Karfunkel, sobald der Würfel sich von ihr entfernt. Dies zeigt die Perspektive der Erde und ihre Reaktion auf die Kritik des Würfels. Der Würfel, tief beleidigt durch die Antwort der Erde, entscheidet sich, sich nicht weiter zu verteidigen. Dies könnte als eine Art Resignation oder Akzeptanz seiner Situation interpretiert werden. Das Gedicht endet mit dieser ungelösten Spannung zwischen dem Würfel und der Erde, die die Komplexität der Selbstwahrnehmung und der Interaktion mit der Umwelt widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Ich bin so licht wie ein Karfunkel, sobald du dich hinweggefleckt
- Metapher
- meines Wesens sechste Seite
- Personifikation
- Der Würfel, innerlichst beleidigt, hat sich nicht weiter drauf verteidigt