Der Winter

Elisabeth Kulmann

unbekannt

Der glückliche Bewohner Des gleichenlosen Quito, Dem, eh′ hier tausend Rosen Verblühn, dort tausend andre Die Blumenkelche öffnen Dem jede Sonne neue Und köstlichere Früchte Zur Reife bringt im Schooße Der Erd′, im Raum der Lüfte; Dem jede Morgenröthe Ein Heer von Schmetterlingen, Mit zauberischen Farben Geschmücket, ringsher sendet, Und jede Abendröthe Die festlichen Gesänge Ertönen läßt von tausend Tonreichen Nachtigallen; Er wird des ew′gen Frühlings Der Heimath manchmal müde. O der Natur verwöhntes, Und unzufriednes Schooßkind, Weil sie dir alle Wünsche Im Übermaß erfüllet, Könnt′ ich, nur einen Tag lang, In deiner Götterwiege Mich freudetrunken schaukeln! Und du, komm auf den Flügeln Des Sturms, auf einen Tag nur, An meines Vaterlandes Dem Pole nahe Gränze! Zur Mittagsstunde siehest Du um dich her kaum Dämmrung. Kein Laut von einem Vogel! Kein Duft von einer Blume! Kein Murmeln einer Quelle! Kein Fußtritt eines Menschen! Sechs Monde lang umkreis′te Den Himmelsrand die Sonne, Dann ging die Sonne unter, Um nimmer aufzugehen, Es stirbt hier selbst die Sonne. Es schlummert alles Leben, Wie Todte in dem Grabe, Tief unter einer starren Gränzlosen Eisesrinde. Du bebest? Harr′ ein Weilchen, Und du wirst noch bewundern! … Siehst du im hohen Norden Dies ungeheure, rege, Stets klarer sich und klarer Verbreitende Gewebe Von rosigen und weißen Und grünen Diamanten, Gleich einem prunken Fächer, Den halben Himmel decken? Siehst du vom Horizonte, Gleich einem reichen Saume Von lichten Franzen, oder Gleich einer Ähre Stacheln, Belebte Strahlenbündel In Menge sich erheben? … Warst du vielleicht, o Sonne, Beherrscherin des Weltalls, Es endlich müde, ewig Im Osten auf- und ewig Im Westen frohnweis unter Zu gehn, ein Spott dir selber, Und zaubertest mit einem Allmächt′gen Winke Dämmrung Und Morgenroth nach Norden, Um den erstaunten Süden Zum erstenmal am Abend Mit Purpur zu umhängen? … Ja, glücklichere Kinder Gemäßigterer Zonen, Es ließ der Herr der Schöpfung Auch uns, am Pol Geborne, Nicht ohne manche Freude, Um die ihr uns beneidet!

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Illustration zu Der Winter

Interpretation

Das Gedicht "Der Winter" von Elisabeth Kulmann vergleicht zwei kontrastreiche Lebensweisen: die ewige Frühlingswelt von Quito, wo die Natur in Überfluss und Farbenpracht erstrahlt, mit dem strengen Winter an der polaren Grenze, wo sechs Monde lang die Sonne nicht aufgeht und das Leben unter einer starren Eisschicht ruht. Die Dichterin beschreibt, wie der Bewohner von Quito, trotz des Paradieses, manchmal müde wird von der ewig gleichen Natur, während sie selbst sich sehnt, nur einen Tag lang in dieser Fülle zu schwelgen. Am Pol hingegen herrscht Stille und Kälte, doch auch hier offenbart sich eine majestätische Schönheit in den Diamantstrukturen des Eises und dem ungewöhnlichen Nordlicht, das den Süden erstmals am Abend mit Purpur umhüllt. Die Dichterin betont, dass auch die im Pol Geborenen nicht ohne Freude sind und von den gemäßigteren Zonen beneidet werden können.

Schlüsselwörter

sonne kein tausend jede gleich gen müde tag

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Siehst du im hohen Norden Dies ungeheure, rege, Stets klarer sich und klarer Verbreitende Gewebe
Anapher
Kein Laut von einem Vogel! Kein Duft von einer Blume! Kein Murmeln einer Quelle! Kein Fußtritt eines Menschen!
Metapher
Der glückliche Bewohner Des gleichenlosen Quito
Personifikation
Es stirbt hier selbst die Sonne
Symbolik
Der Winter