Der Wilde
1797Ein Amerikaner, der Europens Übertünchte Höflichkeit nicht kannte, Und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben, Von Kultur noch frey im Busen trug, Brachte einst, was seines Bogens Sehne Fern in Quebecks übereisten Wäldern Auf der Jagd erbeutet, zum Verkaufe. Als er ohne schlaue Rednerkünste So wie man ihm both die Felsenvögel Um ein kleines hingegeben hatte, Eilt’ er froh mit dem geringen Lohne Heim zu seiner tiefverdeckten Horde In die Arme seiner braunen Gattin. Aber ferne noch von seiner Hütte Überfiel ihn unter freiem Himmel Schnell der schrecklichste der Regenstürme. Aus dem langen rabenschwarzen Haare Troff der Guß herab auf seinen Gürtel, Und das grobe Haartuch seines Kleides Klebte rund an seinem hagern Leibe. Schaurig zitternd unter kaltem Regen Eilt der gute brave wackre Wilde In ein Haus, das er von fern erblickte. Herr, ach laßt mich, bis der Sturm sich leget, Bat er mit der herzlichsten Geberde Den gesittet feinen Eigenthümer, Hier in euerm Hause Obdach finden. Willst du, mißgestaltes Ungeheuer, Schrie ergrimmt der Pflanzer ihm entgegen, Willst du Diebsgesicht mir aus dem Hause! Und ergriff den schweren Stock im Winkel. Traurig schritt der ehrliche Hurone Fort von seiner unwirthbaren Schwelle, Bis durch Sturm und Guß der späte Abend Ihn in seine friedliche Behausung Und zu seiner braunen Gattin brachte. Naß und müde setzt’ er bey dem Feuer Sich zu seinen nackten Kleinen nieder, Und erzählte von den bunten Städtern Und den Kriegern, die den Donner tragen, Und dem Regensturm, der ihn ereilte, Und der Grausamkeit des weißen Mannes. Schmeichelnd hingen sie an seinen Knieen, Schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken, Trockneten die langen schwarzen Haare, Und durchsuchten seine Waidmannstasche, Bis sie die versprochnen Schätze fanden. Kurze Zeit darauf hatt’ unser Pflanzer Auf der Jagd im Walde sich verirret. Über Stock und Stein durch Thal und Bäche Stieg er schwer auf manchen jähen Felsen Um sich umzusehen nach dem Pfade, Der ihn tief in diese Wildniß brachte. Doch sein Spähn und Rufen war vergebens; Nichts vernahm er als das hohle Echo Längs den hohen schwarzen Felsenwänden. Ängstlich ging er bis zur zwölften Stunde, Wo er an dem Fuße eines Berges Noch ein kleines schwaches Licht erblickte. Furcht und Freude schlug in seinem Herzen; Er ermannte sich, und nahte leise. Wer ist draußen? brach mit Schreckentone Eine Stimme tief her aus der Höhle, Und ein Mann trat aus der kleinen Wohnung. Freund, im Walde hab’ ich mich verirret, Sprach der feine Europäer schmeichelnd, Gönnet mir, die Nacht hier zuzubringen, Und zeigt morgen früh, ich werd euch danken, Nach der Stadt mir die gewissen Wege. Kommt herein, versetzt der Unbekannte, Wärmt euch; noch ist Feuer in der Hütte! Und er führt ihn auf das Binsenlager, Schreitet finster trotzig in den Winkel, Holt den Rest von seinem Abendmahle, Hummer, Lachs und frische Bärenschinken, Um den späten Fremdling zu bewirthen. Mit dem Hunger eines Waidmanns speiste Festlich wie bey einem Klosterschmause Neben seinem Wirth der Europäer, Fest und ernsthaft schaute der Hurone Seinem Gaste spähend auf die Stirne, Der mit tiefem Schnitt den Schinken trennte Und mit Wollust trank vom Honigtranke, Den in einer großen Muschelschale Er ihm wirthlich bei dem Male reichte. Eine Bärenhaut auf weichem Moose War des Pflanzers gute Lagerstätte, Und er schlief bis in die hohe Sonne. Wie der wilden Zone wildster Krieger Schrecklich stand mit Köcher, Pfeil und Bogen Der Hurone jetzt vor seinem Gaste, Und erweckte ihn; der Europäer Griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre, Und der Wilde gab ihm eine Schale, Angefüllt mit süßem Morgentranke. Als er lächelnd seinen Gast gelabet, Bracht er ihn durch manche lange Windung Über Stock und Stein, durch Thal und Bäche Durch das Dickicht auf die rechte Straße. Höflich dankte fein der Europäer; Finsterblickend blieb der Wilde stehen, Sahe starr dem Pflanzer in die Augen, Sprach mit voller, fester, ernster Stimme: Haben wir vielleicht uns schon gesehen? Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger, Und erkannte nun in seinem Wirthe Jenen Mann, den er vor wenig Wochen In dem Sturmwind aus dem Hause jagte, Stammelte verwirrt Entschuldigungen. Ruhig lächelnd sagte der Hurone: Seht, ihr fremden klugen, weißen Leute, Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen! Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.
Diese Erzählung habe ich, als ich selbst in Amerika und in der dortigen Gegend war, als eine wahre Geschichte gehört. Sie interessierte mich durch ihre echte reine primitive Menschengüte, die so selten durch unsere höhere Cultur gewinnt. Ob man gleich ähnliche hat, so habe ich sie hier doch nicht unterdrücken wollen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Wilde" von Johann Gottfried Seume erzählt die Geschichte eines Konflikts zwischen einem europäischen Siedler und einem indianischen Jäger, der als "Wilder" bezeichnet wird. Die Erzählung verdeutlicht den Kontrast zwischen der scheinbaren Zivilisation der Europäer und der echten Menschlichkeit der indigenen Bevölkerung. Die Handlung beginnt mit der Einführung des Indianers, der seine Beute in der Stadt verkauft und anschließend von einem Regenschauer überrascht wird. Er sucht Zuflucht in einem Haus, wird jedoch vom Eigentümer, einem europäischen Pflanzer, grob abgewiesen und mit Gewalt bedroht. Diese Szene verdeutlicht die Vorurteile und die mangelnde Gastfreundschaft der Europäer gegenüber den indigenen Völkern. Später gerät der Pflanzer selbst in eine Notlage und verirrt sich im Wald. Er findet Unterschlupf bei demselben Indianer, den er zuvor abgewiesen hatte. Der "Wilde" zeigt sich als großzügiger Gastgeber, versorgt den Pflanzer mit Nahrung und einem Schlafplatz. Am nächsten Morgen führt er ihn sicher zurück zur Straße. Diese Umkehrung der Rollen unterstreicht die überlegene moralische Haltung des Indianers im Vergleich zum Europäer. Das Gedicht endet mit einer direkten Ansprache des Indianers an den Pflanzer, in der er die Heuchelei der Europäer aufdeckt und behauptet, dass die "Wilden" bessere Menschen seien. Diese Schlusszeile dient als moralische Lektion und Kritik an der europäischen Zivilisation, die trotz ihrer vermeintlichen Überlegenheit in puncto Menschlichkeit hinter den indigenen Völkern zurückbleibt. Seume nutzt diese Erzählung, um die Werte der Einfachheit und der echten Menschlichkeit zu preisen, die seiner Meinung nach durch die europäische Kultur oft verloren gehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stammelte verwirrt Entschuldigungen
- Aufbau
- Ein Amerikaner, der Europens Übertünchte Höflichkeit nicht kannte
- Bildsprache
- Über Stock und Stein durch Thal und Bäche
- Direkte Rede
- Herr, ach laßt mich, bis der Sturm sich leget
- Hyperbel
- Schaurig zitternd unter kaltem Regen
- Ironie
- Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!
- Kontrast
- Und er schlug sich seitwärts in die Büsche
- Metapher
- Der Wilde stand mit Köcher, Pfeil und Bogen
- Parallelismus
- Freund, im Walde hab' ich mich verirret, Sprach der feine Europäer schmeichelnd
- Personifikation
- Aus dem langen rabenschwarzen Haare Troff der Guß herab auf seinen Gürtel
- Spannungsbogen
- Doch sein Spähn und Rufen war vergebens; Nichts vernahm er als das hohle Echo Längs den hohen schwarzen Felsenwänden
- Stilmittel
- Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger
- Symbolik
- Und er schlug sich seitwärts in die Büsche
- Vergleich
- Festlich wie bey einem Klosterschmause
- Wiederholung
- Schmeichelnd hingen sie an seinen Knieen, Schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken