Der Werwolf

Christian Morgenstern

1905

Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind, und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten:

“Der Werwolf”,- sprach der gute Mann, “des Weswolfs, Genitiv sodann, dem Wemwolf, Dativ, wie man′s nennt. den Wenwolf,- damit hat′s ein End′.”

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle, er rollte seine Augenbälle. Indessen, bat er, füge doch zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte gestehn,daß er von ihr nichts wußte. Zwar Wölfe gäb′s in großer Schar, doch ′Wer′ gäb′s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind - er hatte ja doch Weib und Kind! Doch da er kein Gelehrter eben, so schied er dankend und ergeben.

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Illustration zu Der Werwolf

Interpretation

Das Gedicht "Der Werwolf" von Christian Morgenstern handelt von einem Werwolf, der sich von seiner Familie entfernt und an das Grab eines Dorfschullehrers geht, um ihn zu bitten, ihn zu "beugen". Der Dorfschulmeister erklärt dem Werwolf die verschiedenen Fälle des Wortes "Werwolf" in der deutschen Grammatik, was den Werwolf beeindruckt. Der Werwolf bittet dann um die Pluralform, aber der Dorfschulmeister gesteht, dass er davon nichts weiß. Am Ende erkennt der Werwolf, dass er seine Familie vermisst, und verlässt den Ort dankbar und demütig. Das Gedicht spielt mit der Absurdität der Situation, in der ein Werwolf, ein mythisches Wesen, an einem Grab um Hilfe bei der deutschen Grammatik bittet. Morgenstern verwendet diese ungewöhnliche Konstellation, um humorvoll auf die Komplexität und manchmal überflüssige Natur der deutschen Grammatik hinzuweisen. Der Dorfschulmeister ist stolz darauf, die Fälle des Wortes "Werwolf" zu kennen, aber er ist hilflos, wenn es um die Pluralform geht. Dies verdeutlicht die oft willkürliche Natur der Sprache und die Grenzen des menschlichen Wissens. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung, als der Werwolf erkennt, dass er seine Familie vermisst und dankbar für die Lektion in Grammatik ist. Dies zeigt, dass selbst ein mythisches Wesen wie ein Werwolf menschliche Gefühle und Bedürfnisse hat. Die abschließende Zeile, "er hatte ja doch Weib und Kind", unterstreicht die universelle Bedeutung von Familie und Zugehörigkeit, unabhängig von der äußeren Erscheinung oder dem vermeintlichen Wesen.

Schlüsselwörter

werwolf weib kind bat dorfschulmeister sprach wolf gäb

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Von Weib und Kind, und sich begab
Bildsprache
Tränenblind, Messingknauf, Augenbälle
Ironie
Der Dorfschulmeister spricht über die Grammatik der Werwolf-Formen, während der Werwolf eigentlich eine Verwandlung sucht
Metapher
Der Werwolf als Metapher für einen Menschen, der sich von seiner Familie entfernt
Personifikation
Der Werwolf wird als jemand dargestellt, der den Dorfschulmeister um Hilfe bittet
Reimschema
AABB Reimschema durch das gesamte Gedicht