Der Weidenbaum
1761Die Muse flieht zu dir, einsamer Kranz von Weiden! Wo ihr dein West in kühle Schatten winkt. Ihr Bäume! die ringsum der Spree Gestade kleiden, Wie oft mein Herz, die Ruhe in Strömen trinkt.
Seid ihr mein Lied! - Fern vom geschäftigen Getümmel Wohnt die Natur, die das Einsame liebt In euch, und rund umher wölbt sich ein heitrer Himmel. Von keinem Rauch der stolzen Stadt getrübt.
Auf euren Wipfeln spielt mit ihren letzten Strahlen Die Abendsonn’ eh sie ins Meer sich senkt: Noch will sie dich, o Spree! Mit flüss’gem Golde malen, Eh’ sie der neuen Welt ihr Antlitz schenkt.
Ein grüner Rasen, den Gesträuche wild umfangen Beut zum kunstlosen Ruhesitz sich dar: Wo haaricht über ihm der Weiden Blüten hangen: In ihnen jauchzt der Vögel muntre Schar.
An seinem Rücken schwillt auf grünenden Terrassen Ein Garten sanft zum schönsten Tempe an: Hier schwitzt Vertumnus, ihn in Lauben einzufassen, Und Bacchus pflanzet Traubenhügel dran.
Es ziert dein stilles Haus, worin die Weisheit wohnet, O Sulzer! Den sie ihren Liebling nennt Und ihm mit Freuden der Natur sein Forschen lohnet, Die nur ihr Schüler schätzt und kennt.
Hier fließen ruhig dir die Tage deines Lebens, Dem Dienst der ersten Göttin heilig, hin: Wie Ströme, schwer wie von Gold, denn keiner fließt vergebens Und jeder bringt dir Wahrheit zum Gewinn.
So sei sie stets vor dich mit ihren besten Schätzen Freigiebig, und bei Enkeln einst dein Ruhm! Noch lange dein Geschäft, die Schöpfung dein Ergötzen Und dieser Garten dir Elysium!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Weidenbaum" von Anna Louisa Karsch ist eine Ode an die Natur und an den Gelehrten Sulzer. Die Dichterin preist die idyllische Umgebung eines Weidenbaums, der als Ort der Ruhe und Inspiration dient. Sie beschreibt die Schönheit der Landschaft am Ufer der Spree, die von Bäumen gesäumt ist und einen klaren, ungetrübten Himmel bietet. Die Abendsonne taucht die Szenerie in ein goldenes Licht, bevor sie untergeht. Karsch stellt den Weidenbaum als einen Ort der Harmonie und des Einklangs mit der Natur dar. Sie erwähnt einen grünen Rasen, der von Sträuchern umgeben ist und als natürlicher Ruhesitz dient. Über diesem Rasen hängen die Blüten des Weidenbaums, in denen sich eine fröhliche Schar von Vögeln tummelt. In der Nähe befindet sich ein Garten, der sanft ansteigt und an das antike Tempe erinnert. Hier arbeiten Vertumnus und Bacchus, die für die Fruchtbarkeit und den Weinanbau stehen, um den Garten zu verschönern. Das Gedicht richtet sich auch an Sulzer, der in einem stillen Haus wohnt, das von Weisheit bewohnt wird. Karsch gratuliert Sulzer zu seiner Verbindung mit der Natur und seiner Hingabe an die Wissenschaft. Sie beschreibt, wie die Tage seines Lebens im Dienst der "ersten Göttin" (vermutlich der Natur) vergehen, wobei jeder Tag wie ein goldener Strom ist, der Wahrheit und Erkenntnis bringt. Die Dichterin wünscht Sulzer, dass er weiterhin von der Natur belohnt wird und dass sein Ruhm durch seine Enkel weiterlebt. Sie hofft, dass die Schöpfung immer sein Ergötzen sein wird und dieser Garten ihm ein Elysium, ein Paradies, darstellt.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Und dieser Garten dir Elysium
- Personifikation
- In ihnen jauchzt der Vögel muntre Schar