Der wandernde Stab

Maria Luise Weissmann

1932

Ahasvers war ich einst, Tannhäusers auch. Ich grünte und ich schlug Wurzeln einmal und wuchs und wurde Strauch.

Nun ist die Welt besät Mit meiner Brut: Ein jeder Schößling trieb Und trieb die alte ungestillte Wut.

Trieb, die sich treibt, die Kraft. Wen sie befiel, Wer mich ergriff, den trifft Ziel nur als Weg zu einem neuen Ziel.

Wer an mir ging, den kann Kein Haus verwahrn, Zu viele Straßen rings, Die ungekannt ins Unbegangne fahrn,

Zu wenig Schnitter für Die große Mahd, Nach allen Händen drängt Und drängt sich gierig die gereifte Saat:

Wegsüchtige, die aus mir Geboren sind Und noch gefangen stehn Und seufzend wehn unter dem weiten Wind…

Mißhör die Sehnsucht nicht, Die um dich brennt, Mensch, faß ein Ding und geh Ihm nach und stills und führs zu seinem End.

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Illustration zu Der wandernde Stab

Interpretation

Das Gedicht "Der wandernde Stab" von Maria Luise Weissmann handelt von der unaufhaltsamen Sehnsucht und dem Drang nach Bewegung und Veränderung, der den Menschen innewohnt. Der lyrische Ich-Erzähler vergleicht sich mit Ahasver, dem wandernden Juden, und Tannhäuser, einer Figur aus der mittelalterlichen Sage, die ebenfalls ein unstetes Leben führte. Er beschreibt sich selbst als einen Stab, der einst Wurzeln schlug und zu einem Strauch heranwuchs, dessen Schößlinge nun die Welt bevölkern und die "alte ungestillte Wut" weitertreiben. Die Kraft, die den Erzähler und seine Nachkommen antreibt, ist eine unstillbare Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach dem "Neuen Ziel", das sich stets als Weg zu einem weiteren Ziel erweist. Wer von dieser Kraft ergriffen wird, kann nicht mehr zur Ruhe kommen, denn es gibt zu viele unbekannte Wege, die ins Ungewisse führen. Die "große Mahd" der Zeit fordert viele Opfer, und die reife Saat der Sehnsucht drängt sich gierig nach Ernte. Die "wegsüchtigen" Nachkommen des Erzählers sind noch immer gefangen in ihrem unstillbaren Drang, auch wenn sie sich nach Freiheit sehnen und unter dem weiten Wind seufzen. Der Erzähler appelliert an den Menschen, diese Sehnsucht nicht zu missverstehen, sondern ein Ziel zu ergreifen und ihm nachzugehen, es zu stillen und zu Ende zu führen. Das Gedicht vermittelt eine ambivalente Haltung zur menschlichen Sehnsucht: Einerseits wird sie als eine kraftvolle, beinahe zerstörerische Energie dargestellt, andererseits als eine notwendige Triebfeder für Fortschritt und Erfüllung.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Mißhör die Sehnsucht nicht, Die um dich brennt, Mensch, faß ein Ding und geh Ihm nach und stills und führs zu seinem End.
Personifikation
Trieb, die sich treibt, die Kraft.