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Der Wanderer zu Athen

Von

Knabe, was streckt dort
Ueber′s Gesträuch
Das graue Haupt empor?
Beweglos, kühn aufstrebend,
Starrt es in′s Auge
Mit riesigen Formen.

Steige den Bergpfad,
Den krummgewund′nen,
Nur hinan!
Du wirst es sehn,
Staunen, Wanderer!

Wohin ich blicke,
Alt vermorscht Gestein,
Ueber einander geworfen,
Gestürzte Säulen,
Regellos zu Schutt und Trümmer
Schaurig aufgehäuft,
Schwarze, gebrochne Reste,
Wildwechselnd gethürmt,
Aufragend in düster′m Grau.
Aus jungem, keimendem Gras.

Das all′ hat
Gestürzt die Zeit!

Blühender Griechenknabe,
Staunst auch du?
Wie stürzt allzerstörend
Menschenwerk
Deine Macht, Zeit,
Ewige Riesin!
Wie bebt donnernd
Im Kreise, was er baute
Der schaffende Mensch!
Drückst deine Spur
Jedem gefugten Stein,
Auflösend, verwüstend,
Allfurchtbar,
Ins graue Antlitz.

Schau′, Wanderer,
Wie um den Architrav,
Sich krümmend, umwebend,
Die heitere Blume blüht!

Ach! neben dem Tod,
Dem kalten Sohn
Der ewigen Zeit,
Regt, sich erneuend,
Keime drängend und wechselnd,
Wieder sich ein schwellend Leben.

Freue dich,
Finsterer Fremdling!
Oben sind wir!
Ach wie schön!

Mich durchwallt
Tieferer Schauer.
Welcher Anblick!

Staunst, Fremdling?

Wie der dorischen Säule
Alte Triglyphen
Grüne Laubranken
Schattend überwölben!
Und die morschen,
Epheuumwachsenen Dielenköpfe
Wie sie starren!
Welche Stille!
Nur der Wind
Regt leise schüttelnd und bewegend,
Um die öden Säulen,
Lispelnd die Lorbeerwipfel!
Schauriges Flüstern!

Hier an′s durchbroch′ne
Graue Gemäuer tritt,
Sinnender Wand′rer!
Hinüber dringst du,
Durch′s wankende Laub,
Ueber die Stadt
Drunten im Thale!
Dort der vollgrüne Berg
Mit der ragenden Säulenkrone,
Ist die Akropolis!
Und das Blaue
Drüber hinein,
Dort!
Ist das Meer!

Welch′ Gefühl,
Welch′ ahnungsvolle Wonne
Drängt sich an dich,
Pochend Herz?
Fühlst du ihn wehen
Bangschauernd durch die Stille,
In Luft und Meer,
In Berg und Trümmern,
Durch der ewig sich erneuenden,
Stürzenden, schaffenden Natur
Unergründbare Tiefen,
Den allgeheimen,
Unsichtbar-liebend wirkenden,
Wechellosen Geist?

Wie ist dir?
Faltest die Hände!

Allbegründender!
Deines Wesens
Ewige, füllende Liebeswonne,
Dein Ruhen und Schaffen
In allem
Durchglüht im Ahnungsdrang
Mein schwellend Herz.
Wie aus uralt-gesturztem
Prachtgestein jung Gras sproßt,
Treib aus des Griechen
Dumpf-starrender Verwesung
Heilig-glühend Leben!
Daß er kenne
Sich und dich,
Wieder dringe
Zu dir!

Wie aus des Chaos
Wild-kochendem Wirbel,
Deine Sonnen,
Ewiger Geist,
In Riesenformen gestaltet,
Jungkräftig, lauter,
Sich scheiden und sondern,
Steige die alte Freyheit
Wieder aus der Nacht,
Des Menschen Braut,
Die ihm bringt
Ewige Kinder!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Wanderer zu Athen von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Wanderer zu Athen“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit menschlichen Schaffens und die ewige Kraft der Natur. Der Wanderer, der sich den Ruinen nähert, wird Zeuge des Verfalls antiker Pracht und der gleichzeitigen Wiedergeburt neuen Lebens. Das Gedicht ist in Dialogform gehalten und wechselt zwischen der Perspektive des Wanderers und der des Erzählers, der den Wanderer anleitet und seine Empfindungen teilt.

Die ersten Strophen beschreiben die Szenerie: zerfallene Säulen, überwuchert von Gras und Efeu, zeugen von der Macht der Zeit, die alles Zerstörerische überwindet. Der Erzähler lenkt die Aufmerksamkeit des Wanderers auf die Schönheit, die aus dem Verfall entsteht – die blühende Blume, die sich neben dem Tod erhebt, und das junge Gras, das aus dem alten Gestein sprießt. Diese Kontraste betonen die Dualität von Zerstörung und Schöpfung, von Vergänglichkeit und Ewigkeit, die das Gedicht durchzieht.

Die zentrale Frage des Gedichts richtet sich an den Wanderer: „Welch′ Gefühl, Welch′ ahnungsvolle Wonne drängt sich an dich, Pochend Herz?“ Hier wird die Erfahrung der Natur und der Geschichte als ein Moment tiefer Erkenntnis verstanden, als ein Gefühl der Ehrfurcht vor der ewigen, sich ständig erneuernden Natur. Der „allgeheime, unsichtbar-liebend wirkenden, wechselosen Geist“ wird als die treibende Kraft hinter diesem Kreislauf von Werden und Vergehen identifiziert.

Waiblinger beschreibt eine Erfahrung der Einheit, in der der Mensch sich in die Natur einfügt. Das Gedicht endet mit einer Hymne auf die „Ewige, füllende Liebeswonne“ dieses Geistes, der sowohl im Verfall als auch in der Erneuerung wirkt. Die Zeilen „Wie aus des Chaos / Wild-kochendem Wirbel, / Deine Sonnen, / Ewiger Geist, / In Riesenformen gestaltet, / Jungkräftig, lauter, / Sich scheiden und sondern“ deuten auf die schöpferische Kraft hin, die aus dem Chaos Ordnung hervorgehen lässt. Abschließend wird die Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Freiheit ausgesprochen, die den Menschen ewige Kinder gebiert. Das Gedicht ist somit ein Loblied auf die ewige Natur und die Hoffnung auf eine neue Blüte nach dem Untergang.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.