Der Wanderer zu Athen

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1915

Knabe, was streckt dort Ueber′s Gesträuch Das graue Haupt empor? Beweglos, kühn aufstrebend, Starrt es in′s Auge Mit riesigen Formen.

Steige den Bergpfad, Den krummgewund′nen, Nur hinan! Du wirst es sehn, Staunen, Wanderer!

Wohin ich blicke, Alt vermorscht Gestein, Ueber einander geworfen, Gestürzte Säulen, Regellos zu Schutt und Trümmer Schaurig aufgehäuft, Schwarze, gebrochne Reste, Wildwechselnd gethürmt, Aufragend in düster′m Grau. Aus jungem, keimendem Gras.

Das all′ hat Gestürzt die Zeit!

Blühender Griechenknabe, Staunst auch du? Wie stürzt allzerstörend Menschenwerk Deine Macht, Zeit, Ewige Riesin! Wie bebt donnernd Im Kreise, was er baute Der schaffende Mensch! Drückst deine Spur Jedem gefugten Stein, Auflösend, verwüstend, Allfurchtbar, Ins graue Antlitz.

Schau′, Wanderer, Wie um den Architrav, Sich krümmend, umwebend, Die heitere Blume blüht!

Ach! neben dem Tod, Dem kalten Sohn Der ewigen Zeit, Regt, sich erneuend, Keime drängend und wechselnd, Wieder sich ein schwellend Leben.

Freue dich, Finsterer Fremdling! Oben sind wir! Ach wie schön!

Mich durchwallt Tieferer Schauer. Welcher Anblick!

Staunst, Fremdling?

Wie der dorischen Säule Alte Triglyphen Grüne Laubranken Schattend überwölben! Und die morschen, Epheuumwachsenen Dielenköpfe Wie sie starren! Welche Stille! Nur der Wind Regt leise schüttelnd und bewegend, Um die öden Säulen, Lispelnd die Lorbeerwipfel! Schauriges Flüstern!

Hier an′s durchbroch′ne Graue Gemäuer tritt, Sinnender Wand′rer! Hinüber dringst du, Durch′s wankende Laub, Ueber die Stadt Drunten im Thale! Dort der vollgrüne Berg Mit der ragenden Säulenkrone, Ist die Akropolis! Und das Blaue Drüber hinein, Dort! Ist das Meer!

Welch′ Gefühl, Welch′ ahnungsvolle Wonne Drängt sich an dich, Pochend Herz? Fühlst du ihn wehen Bangschauernd durch die Stille, In Luft und Meer, In Berg und Trümmern, Durch der ewig sich erneuenden, Stürzenden, schaffenden Natur Unergründbare Tiefen, Den allgeheimen, Unsichtbar-liebend wirkenden, Wechellosen Geist?

Wie ist dir? Faltest die Hände!

Allbegründender! Deines Wesens Ewige, füllende Liebeswonne, Dein Ruhen und Schaffen In allem Durchglüht im Ahnungsdrang Mein schwellend Herz. Wie aus uralt-gesturztem Prachtgestein jung Gras sproßt, Treib aus des Griechen Dumpf-starrender Verwesung Heilig-glühend Leben! Daß er kenne Sich und dich, Wieder dringe Zu dir!

Wie aus des Chaos Wild-kochendem Wirbel, Deine Sonnen, Ewiger Geist, In Riesenformen gestaltet, Jungkräftig, lauter, Sich scheiden und sondern, Steige die alte Freyheit Wieder aus der Nacht, Des Menschen Braut, Die ihm bringt Ewige Kinder!

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Illustration zu Der Wanderer zu Athen

Interpretation

Das Gedicht "Der Wanderer zu Athen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit der Zeit und die ewige Erneuerung des Lebens. Der Wanderer, der den Bergpfad zu Athen erklimmt, wird Zeuge der Ruinen und Trümmer, die von der zerstörerischen Kraft der Zeit zeugen. Doch inmitten dieser Zerstörung entdeckt er auch die Schönheit und das erneuernde Leben, das sich in Form von Blumen und Gras zwischen den alten Steinen entfaltet. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Ehrfurcht vor der Natur und ihrer Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erschaffen. Der Wanderer erlebt eine Mischung aus Schauder und Staunen, als er die antiken Ruinen betrachtet. Die Beschreibung der dorischen Säulen, überwölbt von grünen Laubranken, und der morschen, epheuumwachsenen Dielenköpfe, die starr in die Stille blicken, vermittelt eine Atmosphäre der Verlassenheit und des Verfalls. Doch selbst in dieser Stille und Verlassenheit findet der Wanderer einen tieferen Sinn und eine Verbindung zum unsichtbar-liebenden Geist, der in allem wirkt und die Natur durchdringt. Das Gedicht lädt den Leser ein, die Schönheit und den Trost in der Vergänglichkeit zu erkennen und die ewige Erneuerung des Lebens zu feiern. In den letzten Strophen des Gedichts drückt der Wanderer seinen Wunsch aus, dass aus der "dumpf-starrenden Verwesung" des Griechen wieder "heilig-glühend Leben" erwächst. Er ruft nach der Rückkehr der alten Freiheit, die aus der Nacht aufsteigen und dem Menschen ewige Kinder bringen soll. Das Gedicht endet mit einer hoffnungsvollen Vision von der Macht des Geistes und der Natur, sich immer wieder neu zu erschaffen und das Leben zu erneuern. Es ist ein Aufruf zur Anerkennung der Vergänglichkeit und zur Feier der ewigen Erneuerung, die in der Natur und im menschlichen Geist verankert ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Steige den Bergpfad
Hyperbel
Mit riesigen Formen
Metapher
Hier an's durchbroch'ne
Personifikation
Ewige Kinder