Der Vulkan

Bettina von Arnim

1785

Ja, die Zeichen sind alle erfüllet, Als sich der Himmel so dunkel umhüllet, Sonne auf blutenden Gleisen entstieg. Wie die häuslichen Tiere sich bargen, Ha, da schauderte allen vorm Argen, Ahnend der Unteiwelt nahenden Sieg.

Glühender; stiller werden die Winde, Vögel verfliegen vom Neste geschwinde, Säulen des Wassers wirbeln im Meer. Rollende Donner von unten und oben, Gegen die Flammen, die unter uns toben Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.

Gärende Tiefe will neu sich erheben, Unterwelt-Schatten durchstoßen im Beben Lieblicher Auen blühenden Grund. Jupiter schleudert vergeblich die Blitze Von des dröhnenden Götterbergs Spitze Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.

Weh, die Titanen sich wieder erkühnen, Schon die feurigen Augen erschienen, Schon der dampfende Atem sich hebt, Schön wie ein Fruchtbaum im Herbste zu schauen, Doch den Früchten ist nimmer zu trauen,

Denn sie zerschmettern alles, was lebt.

Sehet, die Zähne im geifernden Munde Reißen dem Berge die berstende Wunde, Lange verschlossen die glühende Wut. Sehet, der Atem der Riesen entbrennet, Zündend mit bläulicher Flamme, hinrennet

Wider der Menschen kämpfenden Mut.

Könnten sie dräuend die Glieder noch regen, Kämpfend die Brust entgegen ihm legen, Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz. Aber in glühenden Armen sie schwinden, Mutige Augen im Schauen erblinden,

Flammend verrinnet begeisternder Glanz.

Erde und Himmel zusammen sich brennen, Chaos, das alte, will keinen erkennen, Wehe dem Besten, der alles das sieht. Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte, Ehe die strömende Lava sich setzte,

Wie sie da drohend hier nieder sich zieht! -

Doch da stehet der Glutstrom gebannet, Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet, Suchet und findet das eigene Haus, Forschet und findet die Seinen entzücket, Wie sie dem Feinde alle entrücket,

Alle erkennen ein Wunder im Graus.

Leiser ertönt der siegende Himmel, Ziehet zum Berge der Wolken Getümmel, Ströme zum alten Bette zurück, Kühlende Blitze durchspielen die Ferne, Einzeln entzünden sich wieder die Sterne

Wie der Versöhneten liebender Blick.

Luna, die ziehet im glänzenden Wagen, Schauet verwundert die Freuden und Klagen, Leuchtet, beleuchtend das Wallen der Welt, Daß die Verirrten die Straßen erkennen Und die Verwirrten sich freudig anrennen…

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Illustration zu Der Vulkan

Interpretation

Das Gedicht "Der Vulkan" von Bettina von Arnim beschreibt die Eruption eines Vulkans als apokalyptisches Ereignis, das von den Menschen als Zeichen des nahenden Untergangs wahrgenommen wird. Die Naturphänomene wie dunkler Himmel, blutige Sonne, sich versteckende Tiere und aufgewirbelte Wassersäulen werden als Vorboten der Katastrophe dargestellt. Die vulkanische Aktivität wird als Kampf zwischen den Titanen und den Göttern personifiziert, wobei die Titanen aus ihrem Gefängnis ausbrechen und alles Lebendige zu vernichten drohen. Die zweite Strophe schildert den Ausbruch des Vulkans in seiner ganzen zerstörerischen Gewalt. Die Titanen werden als feurige Riesen beschrieben, deren Atem und Flammen die Menschheit bedrohen. Trotz ihres Mutes und ihrer Kampfeslust werden die Menschen von der Gewalt der Natur überwältigt. Die Erde und der Himmel geraten in Flammen und Chaos bricht aus. Alle, auch die Besten, glauben, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, als die Lava sich bedrohlich nähert. In der dritten Strophe wendet sich das Blatt. Der Glutstrom wird gebannt und die Menschen finden nach und nach zurück ins Leben. Sie entdecken ihre Häuser und Familien wieder und erkennen in dem Wunderbaren, das sie durchlitten haben, einen Sinn. Der Himmel beruhigt sich, die Natur kehrt zur Ordnung zurück und der Mond leuchtet als versöhnendes Zeichen auf die Welt. Die Menschen, die zuvor irrend und verwirrt waren, finden wieder zueinander und können den Weg in eine neue Zukunft antreten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Glühender; stiller werden die Winde, Vögel verfliegen vom Neste geschwinde, Säulen des Wassers wirbeln im Meer.
Anspielung
Jupiter schleudert vergeblich die Blitze Von des dröhnenden Götterbergs Spitze Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.
Bildsprache
Sehet, die Zähne im geifernden Munde Reißen dem Berge die berstende Wunde, Lange verschlossen die glühende Wut.
Hyperbel
Könnten sie dräuend die Glieder noch regen, Kämpfend die Brust entgegen ihm legen, Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz.
Kontrast
Doch den Früchten ist nimmer zu trauen, Denn sie zerschmettern alles, was lebt.
Metapher
Luna, die ziehet im glänzenden Wagen, Schauet verwundert die Freuden und Klagen, Leuchtet, beleuchtend das Wallen der Welt.
Personifikation
Jupiter schleudert vergeblich die Blitze Von des dröhnenden Götterbergs Spitze Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.
Symbolik
Erde und Himmel zusammen sich brennen, Chaos, das alte, will keinen erkennen, Wehe dem Besten, der alles das sieht.
Wiederholung
Weh, die Titanen sich wieder erkühnen, Schon die feurigen Augen erschienen, Schon der dampfende Atem sich hebt.