Der Vesuv

Ludwig Thoma

unknown

Der Vesuv, indem er speit, mit nichten Darf man gegen ihn die Klagen richten, Insofern ja die Besonderheit Darin liegt, daß er mitunter speit.

Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich? Wenn man schon Vulkan ist, muß man schließlich; Und man regnet Asche oder speit, Ob die Menschheit auch betroffen schreit.

Aber dieses scheint gesagt zu werden Doch am Platze: wenn sich auf der Erden So was zubegibt, wie der Vesuv, Trifft der Tadel den, der ihn erschuf.

Und man fragt mit Recht den Himmelsvater, Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater So viel Unglück auf die Täler stürzt, Manchem auch die Lebenszeit verkürzt.

Weiter frägt der sonst im Glauben Schwache:

Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache? Oder hatte dieser Bibelsatz Geltung nur für einen frühern Spatz?

Diese – sagen wir – Unstimmigkeiten Können böse Zweifel uns bereiten. War es zu verhindern, dächte man, Warum speit dann der Vesuvvulkan?

Mir natürlich scheint noch viel verdächtig; Der Vesuv ist lang schon niederträchtig. Damals schien es eine Götterschar Bei Pompeji, die so freundlich war.

Damals bat der Mensch in Aschenregen Jupiter um den besondern Segen. Heute bittet man Gott Zebaoth Um die Rettung aus der bittern Not.

Also sieht man, daß die Glauben wechseln, An die Götter, die das Unheil drechseln. Der Vesuv jedoch bleibt auf dem Platz, Und vom Dache fällt noch mancher Spatz.

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Illustration zu Der Vesuv

Interpretation

Das Gedicht "Der Vesuv" von Ludwig Thoma thematisiert die Frage nach dem Sinn von Naturkatastrophen und dem Leiden der Menschen. Der Autor stellt die Ungerechtigkeit in Frage, dass ein Vulkan wie der Vesuv immer wieder ausbricht und dabei viele Menschenleben fordert. Er fragt, ob es schön ist, dass Gott so viel Unglück über die Täler bringt und vielen die Lebenszeit verkürzt. Thoma kritisiert auch die Glaubensvorstellungen der Menschen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Während früher die Menschen noch Jupiter um Segen baten, beten sie heute zu Gott Zebaoth um Rettung aus der Not. Der Autor stellt die Frage, ob der Glaube an die Götter, die das Unheil drechseln, noch gerechtfertigt ist, wenn der Vesuv immer wieder ausbricht und vom Dache noch mancher Spatz fällt. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass sich die Glaubensvorstellungen der Menschen zwar geändert haben, der Vesuv jedoch immer noch auf seinem Platz bleibt und weiterhin ausbricht. Thoma stellt damit die Frage nach der Existenz Gottes und der Gerechtigkeit in der Welt in den Raum und lässt den Leser über die Sinnhaftigkeit von Naturkatastrophen und menschlichem Leid nachdenken.

Schlüsselwörter

vesuv speit spatz scheint viel glauben fällt dache

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Stilmittel

Alliteration
Wenn man schon Vulkan ist, muß man schließlich
Anapher
Und man fragt mit Recht den Himmelsvater, Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater So viel Unglück auf die Täler stürzt, Manchem auch die Lebenszeit verkürzt.
Bildsprache
Trifft der Tadel den, der ihn erschuf.
Hyperbel
Und man regnet Asche oder speit
Ironie
Der Vesuv, indem er speit, mit nichten Darf man gegen ihn die Klagen richten, Insofern ja die Besonderheit Darin liegt, daß er mitunter speit.
Kontrast
Damals schien es eine Götterschar Bei Pompeji, die so freundlich war.
Metapher
Und man regnet Asche oder speit
Personifikation
Der Vesuv ist lang schon niederträchtig.
Rhetorische Frage
Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich?
Wortspiel
Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache?