Der Verzweifelte

Klabund

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1

Noch nie hat mir der Herbst so weh getan, Daß ich mich ohne Freundin blaß begnüge. Am Bahnhof steh ich oft und seh die Züge Einlaufen nach des Kursbuchs rotem Plan.

Hier kommt ein Zug um fünf und dort um sechs. Der aus Polzin. Und der aus Samarkand. So oft ich mich an eine Frau gewandt, Entfloh sie mit dem Zeichen höchsten Schrecks.

Man wundert sich, daß ich so kopflos bin Und daß ich ohne Beine gehen kann. Und daß ich ohne Männlichkeit ein Mann, Und daß ich ohne Sinnlichkeit ein Sinn.

2

Mich liebt kein Mensch. Ich sitze hier beim Tee. Es schmerzt das Herz, die Niere tut mir weh. Die Mädchen, welche mich geschminkt begrüßen, Sie sind mit großer Vorsicht zu genießen.

Sie stellen mit des Abenteuers Buntheit Anforderung an unsre Gesundheit. Die ist mir heilig. Etwas andres nicht. Kein Mensch, kein Tier, kein Stern und kein Gedicht.

Wenn ich hier Verse reimend niederschreibe, Geschieht es nur zu meinem Zeitvertreibe. Man glaube nicht an Absicht oder Zweck. Ich bin ein hirnlich infizierter Dreck.

Der fiel von einem Pferd, das fern enttrabt. Ich werde weder gern noch sonst gehabt. Man sieht durch mich hindurch. Man geht an mir vorbei. Und niemand hört des Stummen Klageschrei.

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Illustration zu Der Verzweifelte

Interpretation

Das Gedicht "Der Verzweifelte" von Klabund handelt von einem Mann, der von Einsamkeit und Verzweiflung geplagt ist. Der Herbst symbolisiert für ihn den Schmerz der Einsamkeit, da er ohne eine Freundin leben muss. Er steht oft am Bahnhof und beobachtet die Züge, die nach dem Fahrplan ein- und ausfahren. Dies kann als Metapher für die Vergänglichkeit des Lebens und die Sehnsucht nach Veränderung interpretiert werden. Der Erzähler beschreibt sich selbst als einen Mann ohne Beine, der dennoch gehen kann, und als einen Mann ohne Männlichkeit, der dennoch ein Mann ist. Dies deutet auf ein tiefes Gefühl der Entfremdung von sich selbst und der Welt hin. Er fühlt sich von den Frauen, denen er sich zuwendet, abgestoßen und unverstanden. In der zweiten Strophe beschreibt der Erzähler seine körperlichen Beschwerden und seine Unfähigkeit, von anderen geliebt zu werden. Er sitzt allein beim Tee und fühlt sich von den Mädchen, die ihn geschminkt begrüßen, distanziert. Er sieht in ihnen eine Gefahr für seine Gesundheit und betont, dass ihm nichts anderes heilig ist als seine Gesundheit. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass der Erzähler von anderen Menschen ignoriert und überhört wird, was seine tiefe Verzweiflung und Einsamkeit unterstreicht.

Schlüsselwörter

kein weh oft mensch nie herbst getan freundin

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Niere tut mir weh
Anapher
Daß ich ohne Männlichkeit ein Mann, Daß ich ohne Sinnlichkeit ein Sinn
Hyperbel
Kein Mensch, kein Tier, kein Stern und kein Gedicht
Kontrast
Mich liebt kein Mensch. Ich sitze hier beim Tee.
Metapher
des Stummen Klageschrei
Personifikation
das fern enttrabt