Der Verzückte

Hugo Ball

1886

Und manchmal überfällt mich eine tolle Seligkeit. Alle Dinge tragen den Orchideenmantel der Herrlichkeit. Alle Gesichte tragen an goldenen Stäben zur Schau ihr innerstes Wesen. Die Inschriften der Natur fangen zu stammeln an, leicht zu lesen.

Alle Wunder drängen wie Seesterne an die Oberfläche. Die Golfströme der Luft kreisen und schweben wie diamantene Bäche. Aus jedem toten Gerät wollen sich hundert staunende Augen erheben. In jedem Stein überschlägt sich wild eifersüchtiges Leben.

Die Kirchtürme flammende Gottesschwerter. Dröhnend schlagen die Stunden. Meine Zunge eine Jerichorose. Duft strömt und Musik mir vom Munde. Auf meine Fingerspitzen, die sich in Beschwörungen ducken, Lassen sich alle verirrten Küsse nieder, die durch das Weltall zucken.

Daher begibt es sich, daß über den fliegenden Dächern der Stadt, Die mich beherbergt, der leuchtende Mond seinen Bogen hat Wie aus Opal geschnitten ein weitgespannter Viadukt, Und daß nicht mehr Wirklichkeit ist, was da spukt.

Es sind geisterhafte Orchester auf der Wanderung zu vernehmen. Es ist, als ob unterm Pflaster Höllen aus Licht heraufgeschwommen kämen. Die Menschen, die da gehen, schreiten an elfenbeinernen Stöcken. Die Häuser, die da stehen, prunken in Purpurmänteln und Galaröcken.

Die Bilder und die Gesichte kommen hervor wie trunkene Tropenfalter, Wenn du in roten Nächten durch die Glutgärten Ceylons gehst. An Ärmel und Kniee hangen sich ihrer so viele und schwer, Daß du ermattet zuletzt, ganz wirr und taumelnd im blühenden Gifte stehst.

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Illustration zu Der Verzückte

Interpretation

Das Gedicht "Der Verzückte" von Hugo Ball beschreibt einen Zustand ekstatischer Seligkeit, in dem die Welt in einem neuen, glorreichen Licht erscheint. Der Sprecher erlebt eine überwältigende Wahrnehmung der Schönheit und des Lebens in allen Dingen. Die Natur offenbart ihre tiefsten Geheimnisse, und selbst tote Gegenstände scheinen mit Leben erfüllt zu sein. Die Welt um den Sprecher herum verwandelt sich in ein fantastisches Schauspiel, in dem die Realität mit dem Übernatürlichen verschmilzt. Die Bilder und Visionen, die der Sprecher wahrnimmt, sind von einer surrealen, fast traumhaften Qualität. Die Stadt, in der er lebt, wird zu einem Ort des Wunders, wo der Mond wie ein Opalviadukt über den Dächern hängt und die Menschen und Häuser in prächtigen Gewändern erscheinen. Die Atmosphäre ist erfüllt von geisterhaften Klängen und Lichtern, die aus dem Untergrund aufsteigen. Die Welt wird zu einem Ort der Verzauberung, in dem die Grenzen zwischen dem Irdischen und dem Überirdischen verschwimmen. In der Schlussstrophe kulminiert die ekstatische Erfahrung in einer überwältigenden Fülle von Bildern und Visionen. Der Sprecher wird von diesen Eindrücken förmlich überwältigt, wie von tropischen Schmetterlingen, die sich an ihm festhalten. Die Intensität dieser Erfahrung führt zu einer Art Erschöpfung und Verwirrung, in der der Sprecher in einem Zustand der Betäubung verharrt. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Realität durch diese überwältigende Fülle an Bildern und Eindrücken verdrängt wird und an ihre Stelle tritt.

Schlüsselwörter

alle tragen gesichte jedem manchmal überfällt tolle seligkeit

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
[Dröhnend schlagen die Stunden Duft strömt und Musik mir vom Munde]
Hyperbel
[Aus jedem toten Gerät wollen sich hundert staunende Augen erheben In jedem Stein überschlägt sich wild eifersüchtiges Leben]
Metapher
[Alle Dinge tragen den Orchideenmantel der Herrlichkeit Die Kirchtürme flammende Gottesschwerter Meine Zunge eine Jerichorose]
Oxymoron
[ganz wirr und taumelnd im blühenden Gifte stehst]
Personifikation
[Die Inschriften der Natur fangen zu stammeln an Alle Wunder drängen wie Seesterne an die Oberfläche Die Golfströme der Luft kreisen und schweben]
Symbolik
[Der leuchtende Mond seinen Bogen hat Wie aus Opal geschnitten ein weitgespannter Viadukt]
Synästhesie
[Duft strömt und Musik mir vom Munde]
Vergleich
[Alle Wunder drängen wie Seesterne an die Oberfläche Die Golfströme der Luft kreisen und schweben wie diamantene Bäche Die Bilder und die Gesichte kommen hervor wie trunkene Tropenfalter]