Ein junger, tapferer Soldat
Ward wegen einer Uebelthat,
Die er in bösem Trunk begangen,
Dafür sein Urtheil zu empfangen,
Hinausgeführt. Sein braunes Haar,
Der großen schwarzen Augen Paar,
Sein gut Gesicht, die schöne Länge,
Bewegten ringsumher die Menge;
Vor Allem ward er, wie man sagt,
Vom weiblichen Geschlecht beklagt.
Schon kniet er nieder auf den Sand,
Und schon war von des Henkers Hand
Das scharfe Schwert gezückt, als Halt!
Durch den geschloss′nen Kreis erschallt.
Ein Mädchen drang zugleich herbei,
Und rief mit ängstlichem Geschrei:
Pardon! Pardon! Ihr Leute denkt,
Man hat sein Leben mir geschenkt.
Ich fiel dem Landesherrn zu Füßen,
Und ließ so lange Thränen fließen,
Bis ich vom Tod ihn losgemacht.
Ihm ist Verzeihung zugedacht,
Wenn er zur Frau mich nehmen will!
Der arme Sünder sah sie still
Und voller Ueberlegung an.
Was du (sprach er) für mich gethan,
Ist dankenswerth. Doch, trügt mich nicht
Dein wildes, kupfriges Gesicht,
Dein rothes Aug′, dein spitzes Kinn,
So bist du eine Teufelin,
Die mir zur allerschwersten Bürde
Mein elend Leben machen würde!
Ein böses Stündchen ist fürwahr
Erträglicher, als zwanzig Jahr′
Mit einem Weibe, so wie du,
In steter Qual; d′rum haut nur zu!
Der verurtheilte Soldat
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der verurtheilte Soldat“ von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae ist eine makabre Ballade, die die letzten Momente eines zum Tode verurteilten Soldaten schildert und eine überraschende Pointe offenbart, die die Konventionen der Romantik unterläuft. Im Mittelpunkt steht die tragische Geschichte eines jungen Mannes, der aufgrund einer im Rausch begangenen Tat zum Tode verurteilt wurde. Die Beschreibung seiner äußeren Erscheinung, insbesondere seines „braunen Haar[s]“ und der „großen schwarzen Augen“, soll Sympathie und Mitleid beim Leser wecken und die Erwartung einer heldenhaften oder zumindest melancholischen Rettung wecken.
Die Rettung, die tatsächlich in letzter Sekunde erfolgt, nimmt eine unerwartete Wendung. Ein Mädchen, von dessen Existenz der Leser zuvor nichts ahnte, dringt in den Kreis und erfleht Begnadigung für den Soldaten, indem sie angibt, ihr Leben sei ihr von der Landesherrschaft geschenkt worden. Die Rettung des Soldaten ist also durch die Intervention einer Frau gegeben, die ihren Einfluss und ihre Tränen eingesetzt hat, um ihn vom Tod zu befreien. Doch anstatt Dankbarkeit oder Freude über das unerwartete Geschenk des Lebens, reagiert der Soldat mit kühler Überlegung und Ablehnung. Er erkennt in ihr eine „Teufelin“, die ihm sein Leben zur Hölle machen würde.
Diese Ablehnung ist das Herzstück der Ballade und stellt eine deutliche Abkehr von den romantischen Idealen dar. Während in der Romantik oft die Liebe und die Hingabe der Frau als rettende Kraft dargestellt werden, wird hier die Frau als Bedrohung und Quelle des Unglücks charakterisiert. Die Beschreibung ihres Aussehens – „wildes, kupfriges Gesicht“, „rothes Augʻ“, „spitzes Kinn“ – unterstreicht dies und dient als Zeichen ihrer vermeintlich schlechten Charaktereigenschaften. Der Soldat zieht es vor, in den Tod zu gehen, als eine lange Leidenszeit an der Seite dieser Frau zu verbringen, was die Absurdität seiner Lage und die extreme Natur seiner Ablehnung verdeutlicht.
Die letzte Strophe mit der Entscheidung des Soldaten, sich lieber vom Henker enthaupten zu lassen, als die von ihm angebotene Rettung anzunehmen, ist ein starker Schlag gegen die romantische Konvention. Die Ballade schlägt eine unerwartete Wendung ein, die die Erwartungen des Lesers untergräbt und eine düstere, pessimistische Sicht auf die menschliche Natur und die Beziehungen zwischen Mann und Frau offenbart. Die Ballade endet mit einem ironischen Kommentar zur menschlichen Natur, der die Vergänglichkeit des Lebens betont. Zachariae präsentiert hier eine erschütternde Vision von Verzweiflung, die sich der romantischen Idealisierung verweigert.
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