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Der verspätete Wanderer

Von

Wo aber werd ich sein im künftgen Lenze?
So frug ich sonst wohl, wenn beim Hüteschwingen
Ins Tal wir ließen unser Lied erklingen,
Denn jeder Wipfel bot mir frische Kränze.

Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze,
Daß nach dem Meer die Ströme leuchtend gingen,
Vom fernen Wunderland die Vögel singen,
Da hatt das Morgenrot noch keine Grenze.

Jetzt aber wirds schon Abend, alle Lieben
Sind wandermüde längst zurückgeblieben,
Die Nachtluft rauscht durch meine welken Kränze,

Und heimwärts rufen mich die Abendglocken,
Und in der Einsamkeit frag ich erschrocken:
Wo werde ich wohl sein im künftgen Lenze?

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Gedicht: Der verspätete Wanderer von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der verspätete Wanderer“ von Joseph von Eichendorff reflektiert auf melancholische Weise über die Vergänglichkeit der Zeit und die Verluste des Lebens. Der lyrische Sprecher, einst voller jugendlicher Unbeschwertheit und Zukunftsgewissheit, blickt nun auf ein Leben voller Veränderungen und Enttäuschungen zurück. Die anfängliche Frage nach dem Aufenthaltsort im kommenden Frühling, die früher von unbeschwerter Hoffnung getragen war, wird nun von einer tiefen Unsicherheit und dem Gefühl der Vereinsamung begleitet.

Der erste Teil des Gedichts beschwört eine vergangene Zeit, in der der Frühling allgegenwärtig war und die Welt voller Möglichkeiten schien. Das „Hüteschwingen“ und das „Lied erklingen“ symbolisieren die Freude und Unbekümmertheit der Jugend, während die „frischen Kränze“ als Zeichen des Erfolgs und der Lebensfülle stehen. Die Natur wird als Quelle der Inspiration und des Glücks dargestellt, was die romantische Naturverbundenheit Eichendorffs widerspiegelt. Der Sprecher war sich sicher, dass die Welt ihm offenstand und dass der Frühling ihm immer neue Freuden bringen würde.

Der zweite Teil des Gedichts markiert einen klaren Bruch. Die „Lieben“ sind „wandermüde längst zurückgeblieben“, was auf Verluste, Trennungen und das Ende von Freundschaften oder romantischen Beziehungen hindeutet. Die „welken Kränze“ symbolisieren den Verlust der einstigen Lebenskraft und Jugend. Die Nachtluft, die durch die Kränze rauscht, deutet auf eine abnehmende Lebendigkeit und ein Gefühl der Verlassenheit hin. Die Abendglocken, die „heimwärts rufen“, sind ein Zeichen des nahenden Todes oder zumindest des Altwerdens und des Rückzugs ins Innere.

Das Gedicht endet mit der Wiederholung der zentralen Frage, die nun in einem völlig anderen Kontext gestellt wird. Die Frage nach dem zukünftigen Frühling wird nun mit „Erschrecken“ verbunden. Dies unterstreicht die Verunsicherung und die Angst des Sprechers vor der Zukunft. Er fragt sich, was mit ihm geschehen wird, wo er sich befinden wird, wenn die Natur wieder erwacht, aber er selbst sich vielleicht dem Ende nähert. Die letzte Zeile verdeutlicht, wie die Erfahrung des Lebens den unbeschwerten Blick auf die Zukunft in einen Zustand der Melancholie und des Zweifels verwandeln kann.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.