Der verlorne Augenblick, die verlorne Seeligkeit

Jakob Michael Reinhold Lenz

1751

Von nun an die Sonne in Trauer, Von nun an finster der Tag, Des Himmels Thore verschlossen! Wer ist der wieder eröffnen Mir wieder entschließen sie mag? Hier ausgesperret, verloren, Sitzt der Verworfne und weint, Und kennt im Himmel, auf Erden Gehäßiger nichts als sich selber, Und ist im Himmel, auf Erden Sein unversöhnlichster Feind.

Aufgiengen die Thore, Ich sah die Erscheinung. Und war′s kein Traum? Und war′s so fremd mir? - Die Tochter, die Freude, Der Segen des Himmels, In weißen Gewölken Mit Rosen umschattet, Duftete sie hinüber zu mir. In Liebe hingesunken, Wie schrecklich in Reizen geschmückt, Schon hatt′ ich so selig, so trunken Fest an mein Herz sie gedrückt. Ich lag im Geist ihr zu Füßen, Mein Mund schwebt′ über ihr - Ach! diese Lippen zu küssen Und dann mit ewiger Müh Den süßen Frevel zu büßen! -

In dem einzigen Augenblick, Große Götter! was hielt mich zurück?

Kommt er nicht wieder? - Er kehrt nicht wieder, Ach er ist hin, der Augenblick Und der Tod mein einziges Glück! -

Daß er käme! - Mit bebender Seele Wollt′ ich ihn faßen, Wollte mit Angst ihn Und mit Entzücken Halten ihn, halten Und ihn nicht laßen, Und drohte die Erde mir Unter mir zu brechen, Und drohte der Himmel mir, Die Kühnheit zu rächen - Ich hielte, ich faßte dich, Heilige, Einzige, Mit all deiner Wonne, Mit all deinem Schmerz! Presst′ an den Busen dich, Sättigte einmal mich - Wähnte du wärst für mich - Und in dem Wonnerausch, In den Entzückungen, Bräche mein Herz!

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Illustration zu Der verlorne Augenblick, die verlorne Seeligkeit

Interpretation

Das Gedicht "Der verlorne Augenblick, die verlorne Seeligkeit" von Jakob Michael Reinhold Lenz thematisiert den Verlust eines einzigen, entscheidenden Augenblicks, der die Chance auf vollkommene Glückseligkeit barg. Der lyrische Ich-Erzähler befindet sich in einem Zustand tiefer Trauer und Verzweiflung, da ihm die Sonne und der Tag seit jenem Moment finster erscheinen. Die Himmelspforten sind für ihn verschlossen, und er fühlt sich ausgesperrt und verloren, allein mit seinem Weinen. Er erkennt, dass sein größter Feind er selbst ist, sowohl im Himmel als auch auf Erden. In der zweiten Strophe schildert der Erzähler eine traumhafte Erscheinung, die ihm in einem einzigen Augenblick höchste Freude und Glück brachte. Eine himmlische Gestalt, beschrieben als "Tochter, die Freude, der Segen des Himmels", umgeben von weißen Wolken und Rosen, nähert sich ihm. In einem Moment der Liebe und Verzückung umarmt er diese Erscheinung, küsst ihre Lippen und erlebt eine selige Trunkenheit. Doch dieser süße Frevel muss mit ewiger Mühe gebüßt werden, was die vergängliche Natur dieses Glücks unterstreicht. Die dritte Strophe reflektiert den Schmerz über den Verlust dieses Augenblicks. Der Erzähler fragt sich, was ihn damals zurückgehalten hat, diese Chance nicht ergriffen zu haben. Er sehnt sich danach, dass dieser Augenblick zurückkehrt, doch er ist für immer verloren. Der Tod erscheint ihm nun als einziges Glück, da er die einzige Möglichkeit zu sein scheint, dem Schmerz des Verlustes zu entkommen. In der letzten Strophe imaginiert der Erzähler, wie er die himmlische Gestalt erneut ergreifen und festhalten würde, selbst wenn die Erde unter ihm brechen und der Himmel ihn für seine Kühnheit rächen würde. Er würde sie an seinen Busen drücken, sich einmal satt an ihr ergötzen und in den Entzückungen dieses Augenblicks sein Herz brechen lassen.

Schlüsselwörter

himmel himmels thore erden herz augenblick halten drohte

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mit Rosen umschattet
Anapher
Ich hielte, ich faßte dich, / Heilige, Einzige
Bildsprache
Die Tochter, die Freude, / Der Segen des Himmels, / In weißen Gewölcken / Mit Rosen umschattet
Enjambement
Aufgiengen die Thore, / Ich sah die Erscheinung.
Hyperbel
Mit bebender Seele wollt' ich ihn faßen
Kontrast
Mit all deiner Wonne, / Mit all deinem Schmerz
Metapher
Die Sonne in Trauer, finster der Tag
Personifikation
Des Himmels Thore verschlossen
Rhetorische Frage
Ach! diese Lippen zu küssen / Und dann mit ewiger Müh / Den süßen Frevel zu büßen!
Wiederholung
Und kennt im Himmel, auf Erden / Gehäßiger nichts als sich selber