Der unsterbliche Autor

Christian Fürchtegott Gellert

1769

Ein Autor schrieb sehr viele Bände Und ward das Wunder seiner Zeit; Der Journalisten güt’ge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit. Er sah, vor seinem sanften Ende, Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt Und sich mit tiefgelehrtem Blicke In einer spanischen Perücke Vor jedes Titelblatt geprägt. Er blieb vor Widersprechern sicher Und schrieb bis an den Tod, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, Nahm an dem Lebenslauf allein Drei Bogen und drei Seiten ein.

Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit Kam in zehn Jahren aus der Mode, Und seine göttliche Methode Hieß eine bange Trockenheit. Der Mann war bloß berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh’ Kenner ihn gelesen.

Berühmt zu werden, ist nicht schwer, Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.

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Illustration zu Der unsterbliche Autor

Interpretation

Das Gedicht "Der unsterbliche Autor" von Christian Fürchtegott Gellert erzählt die Geschichte eines Autors, der zu seinen Lebzeiten als Wunder seiner Zeit gefeiert wurde. Der Autor schreibt zahlreiche Werke, die mehrfach aufgelegt werden und auf deren Titelblättern er sich in einer spanischen Perücke abbilden lässt. Er bleibt vor Kritikern sicher und schreibt bis zu seinem Tod. Das Verzeichnis seiner Bücher nimmt drei Bogen und drei Seiten ein. Nach dem Tod des Autors werden seine Schriften mit Bedacht gelesen. Doch innerhalb von zehn Jahren gerät er in Vergessenheit, und seine Methode wird als "bange Trockenheit" bezeichnet. Der Autor war nur deshalb berühmt, weil Stümper ihn lobten, bevor Kenner ihn gelesen hatten. Das Gedicht kritisiert die vergängliche Natur des Ruhms und die Oberflächlichkeit des zeitgenössischen Lobes. Gellert betont, dass es nicht schwer ist, berühmt zu werden, wenn man viel für kleine Geister schreibt. Doch um bei der Nachwelt groß zu bleiben, bedarf es mehr als einer seichten Geisteshaltung und einer strengen Lehrart. Das Gedicht warnt vor der Vergänglichkeit des Ruhms und ermutigt dazu, Werke von bleibendem Wert zu schaffen, die auch von künftigen Generationen geschätzt werden.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anspielung
Der Titel 'Der unsterbliche Autor' ist ironisch, da der Autor letztendlich vergessen wird.
Bildsprache
Die Beschreibung des Autors, der 'mit tiefgelehrtem Blicke' in die 'spanische Perücke' schaut, schafft ein lebendiges Bild.
Hyperbel
Die Beschreibung, dass das Verzeichnis der Bücher 'drei Bogen und drei Seiten' einnahm, betont die übermäßige Produktivität des Autors.
Ironie
Der Autor wurde als 'das Wunder seiner Zeit' gefeiert, aber nach seinem Tod 'kam in zehn Jahren aus der Mode'.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem Ruhm des Autors zu Lebzeiten und der schnellen Vergessenheit nach seinem Tod.
Kritik
Das Gedicht kritisiert die Oberflächlichkeit des Ruhms und die Vergänglichkeit des literarischen Erfolgs.
Metapher
Die 'spanische Perücke' als Symbol für den Versuch des Autors, sich als Gelehrter zu präsentieren.
Parallelismus
Die Wiederholung der Struktur in 'Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt'.
Personifikation
Die 'güt'gen Hände' der Journalisten, die ihm 'die Ewigkeit' verehren, als ob sie ihm einen Titel verleihen könnten.
Vorahnung
Die Erwähnung des 'sanften Endes' deutet auf den bevorstehenden Tod des Autors hin.