Der Unbekannte

Anastasius Grün

1806

Durch das enge Thor des Städtchens Zieht ein alter Bettler fort, Niemand spendet ihm Geleite, Lebewohl und Abschiedswort.

Nicht verräth die graue Wolke, Daß sie Botschaft Gottes trägt; Nicht verräth der graue Felsen, Daß er Schachte Goldes hegt.

Und dem kahlen Baum im Winter Seht ihr’s auch nicht an sogleich, Daß er einst so fröhlich grünte Und an Blüth’ und Frucht so reich.

Von dem Mann am Bettelstabe Hätt’ es Keiner wohl geglaubt, Daß er einst im Purpur strahlte Kronumglänzt sein Lockenhaupt!

Meuter rissen ihm die Krone Und den lichten Purpur ab, Reichten ihm, anstatt des Zepters, Einen morschen Wanderstab.

Und so wallt er schon seit Jahren, Ungegrüßt und ungekannt, Mit dem schwergebeugten Haupte Durch so manches fremde Land.

Müde, todesmüde sinkt er Unter einen Blüthenbaum, Von den Zweigen eingesungen In den tiefen, ew’gen Traum.

Menschen, die vorübergingen, Sprachen da in stillem Gram: Wer ist wohl der arme Alte, Der so elend hier verkam?

Doch Natur mit lichtem Auge Hat den Schläfer wohl erkannt, Und ein feierlich Begängniß, Wie’s dem König ziemt, gesandt.

Blüthenkränze wehn vom Baume Ihm als Kron’ aufs Haupt herab, Und zum Zepter übergoldet Sonne ihm den Bettelstab.

Rauschend wölben sich die Zweige Ueber ihm als Baldachin, Und den königlichen Purpur Legt das Abendroth auf ihn.

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Illustration zu Der Unbekannte

Interpretation

Das Gedicht "Der Unbekannte" von Anastasius Grün erzählt die Geschichte eines alten Bettlers, der durch ein Städtchen zieht, ohne dass ihm jemand Beachtung schenkt oder sich von ihm verabschiedet. Der Bettler ist in Wirklichkeit ein ehemaliger König, der von Meuterern entthront und in die Armut gestoßen wurde. Seine wahre Identität und sein früherer Glanz bleiben verborgen, ähnlich wie die verborgenen Schätze in einer grauen Wolke oder einem grauen Felsen. Der Bettler wandert seit Jahren unerkannt und unbeachtet durch fremde Länder, bis er schließlich unter einem Blütenbaum erschöpft und todesmüde zusammenbricht. Als er stirbt, erkennen die Menschen um ihn herum nicht, wer er wirklich war, und fragen sich, wer dieser arme alte Mann war, der so elend zugrunde ging. Die Natur jedoch erkennt den Schläfer und sendet ihm eine feierliche Bestattung, die einem König gebührt. Die Natur krönt den Bettler mit Blütenkränzen, vergoldet seinen Bettelstab zur Sonne und schützt ihn mit den Zweigen des Baumes als Baldachin. Das Abendrot legt sich wie königlicher Purpur auf ihn. Anastasius Grün verdeutlicht damit, dass wahre Größe und Würde nicht von äußeren Umständen abhängen, sondern in der Natur und in der Anerkennung der eigenen Identität liegen.

Schlüsselwörter

purpur verräth graue einst enge thor städtchens zieht

Wortwolke

Wortwolke zu Der Unbekannte

Stilmittel

Alliteration
Müde, todesmüde sinkt er
Bildsprache
Und den königlichen Purpur Legt das Abendroth auf ihn
Hyperbel
In den tiefen, ew'gen Traum
Kontrast
Daß er einst im Purpur strahlte Kronumglänzt sein Lockenhaupt
Metapher
Durch das enge Thor der Städtchens
Personifikation
Natur mit lichtem Auge
Symbolik
Blüthenkränze wehn vom Baume ihm als Kron' aufs Haupt herab
Vergleich
Wie es dem König ziemt