Der Umkehrende
1788Du sollst mich doch nicht fangen, Duftschwüle Zaubernacht! Es stehn mit goldnem Prangen Die Stern auf stiller Wacht, Und machen überm Grunde, Wo du verirret bist, Getreu die alte Runde - Gelobt sei Jesus Christ!
Wie bald in allen Bäumen Geht nun die Morgenluft, Sie schütteln sich in Träumen, Und durch den roten Duft Eine fromme Lerche steiget, Wenn alles still noch ist, Den rechten Weg dir zeiget - Gelobt sei Jesus Christ!
Hier bin ich, Herr! Gegrüßt das Licht, Das durch die stille Schwüle Der müden Brust gewaltig bricht Mit seiner strengen Kühle. Nun bin ich frei! Ich taumle noch Und kann mich noch nicht fassen - O Vater, du erkennst mich doch, Und wirst nicht von mir lassen!
Was ich wollte, liegt zerschlagen, Herr, ich lasse ja das Klagen, Und das Herz ist still. Nun aber gib auch Kraft, zu tragen, Was ich nicht will!
Es wandelt, was wir schauen, Tag sinkt ins Abendrot, Die Lust hat eignes Grauen, Und alles hat den Tod.
Ins Leben schleicht das Leiden Sich heimlich wie ein Dieb, Wir alle müssen scheiden Von allem, was uns lieb.
Was gäb es doch auf Erden, Wer hielt’ den Jammer aus, Wer möcht geboren werden, Hieltst du nicht droben Haus!
Du bist’s, der, was wir bauen, Mild über uns zerbricht, Daß wir den Himmel schauen - Darum so klag ich nicht.
Waldeinsamkeit! Du grünes Revier, Wie liegt so weit Die Welt von hier! Schlaf nur, wie bald Kommt der Abend schön, Durch den stillen Wald Die Quellen gehn, Die Mutter Gottes wacht, Mit ihrem Sternenkleid Bedeckt sie dich sacht In der Waldeinsamkeit, Gute Nacht, gute Nacht! -
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Interpretation
Das Gedicht "Der Umkehrende" von Joseph von Eichendorff beschreibt eine spirituelle Reise von der Dunkelheit zum Licht, von der Verirrung zur Erkenntnis. Der Sprecher befindet sich zunächst in einer betörenden, verwirrenden Nacht, die ihn zu fangen droht, doch die Sterne und die Natur weisen ihm den Weg. Mit dem Morgen bricht eine neue Klarheit an, symbolisiert durch die Lerche, die den rechten Weg zeigt. Im zweiten Teil bekennt sich der Sprecher zu Gott, erkennt seine Befreiung und sucht die Nähe des Vaters. Im dritten Teil ringt der Sprecher mit seinen Wünschen und der Notwendigkeit, das zu akzeptieren, was er nicht will. Er bittet um die Kraft, das Unvermeidliche zu tragen. Der vierte Teil reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens, das Leiden und den Tod, die uns alle ereilen. Doch der Glaube an Gott gibt dem Sprecher Halt und die Hoffnung auf den Himmel. Im fünften Teil findet der Sprecher in der Waldeinsamkeit Ruhe und Geborgenheit, symbolisiert durch die Mutter Gottes, die ihn beschützt und ihm einen friedlichen Abschied wünscht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gute Nacht, gute Nacht!
- Apostrophe
- Hier bin ich, Herr! Gegrüßt das Licht
- Hyperbel
- Wie bald in allen Bäumen geht nun die Morgenluft
- Metapher
- Mit ihrem Sternenkleid belegt sie dich sacht
- Personifikation
- Die Mutter Gottes wacht