Der über uns

Gotthold Ephraim Lessing

1753

Hans Steffen stieg bei Dämmerung (und kaum konnt er vor Näschigkeit die Dämmerung erwarten) in seines Edelmannes Garten und plünderte den besten Apfelbaum.

Johann und Hanne konnten kaum vor Liebesglut die Dämmerung erwarten und schlichen sich in ebendiesen Garten von ungefähr an ebendiesen Apfelbaum.

Hans Steffen, der im Winkel oben saß und fleißig brach und aß, ward mäuschenstill vor Wartung böser Dinge, daß seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge. Doch bald vernahm er unten Dinge, worüber er der Furcht vergaß und immer sachter weiteraß.

Johann warf Hannen in das Gras. “O pfui!, rief Hanne, welcher Spaß! Nicht doch, Johann! - Ei was? O schäme dich! - Ein andermal - o laß - O schäme dich! Hier ist es naß.” Naß oder nicht; was schadet das? Es ist ja reines Gras.

Wie dies Gespräche weiterlief, das weiß ich nicht. Wer braucht′s zu wissen? Sie stunden wieder auf, und Hanne seufzte tief: “So, schöner Herr, heißt das bloß küssen? Das Männerherz! Kein einzger hat Gewissen. Sie könnten es uns so versüßen. Wie grausam aber müssen wir armen Mädchen öfters dafür büßen!

Wenn nun auch mir ein Unglück widerfährt! - Ein Kind - ich zittre. - Wer ernährt mir denn das Kind? Kannst Du es mir ernähren?” “Ich?, sprach Johann, die Zeit mag′s lehren. Doch wird′s auch nicht von mir ernährt: Der über uns wird schon ernähren; dem über uns vertrau.”

′Dem über uns.′ Dies hörte Steffen. ′Was′, dachte er, ′will das Pack mich äffen? Der über Ihnen? Ei, wie schlau!′ “Nein, schrie er, laßt euch andere Hoffnung laben! Der über euch ist nicht so toll. Wenn ich ein Bankbein nähren soll, so will ich es auch selbst gedrechselt haben.”

Wer hier erschrak und aus dem Garten rann, das waren Hanne und Johann. Doch gaben bei dem Edelmann sie auch den Apfeldieb wohl an? Ich glaube nicht, daß sie′s getan.

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Illustration zu Der über uns

Interpretation

Das Gedicht "Der über uns" von Gotthold Ephraim Lessing beschreibt eine komische und zugleich kritische Szene, in der sich die moralischen Werte und das Verantwortungsbewusstsein der Figuren widerspiegeln. Im Mittelpunkt steht Hans Steffen, der in den Garten eines Edelmannes klettert, um Äpfel zu stehlen, und dabei Zeuge eines Gesprächs zwischen Johann und Hanne wird, die sich ebenfalls im Garten treffen. Die beiden führen ein Liebesgespräch, das schnell in eine moralische Debatte über Verantwortung und die Konsequenzen ihrer Handlungen mündet. Johann beruhigt Hanne mit dem Satz "Der über uns wird schon ernähren", was darauf hindeutet, dass er sich auf göttliche Fügung oder das Schicksal verlässt, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Ironie des Gedichts liegt darin, dass Hans Steffen, der selbst ein Dieb ist, die moralische Überheblichkeit Johann's durchschaut und ihn mit einem scharfen Kommentar konfrontiert. Steffens Aussage, dass er, wenn er ein Bankbein nähren soll, es selbst gedrechselt haben will, verdeutlicht seine pragmatische und selbstständige Denkweise. Er erkennt die Doppelmoral in Johann's Worten und stellt sie bloß, was zu einer humorvollen Wendung führt, als Johann und Hanne erschreckt den Garten verlassen. Lessing nutzt diese Szene, um gesellschaftliche und moralische Fragen anzusprechen. Er kritisiert die Neigung der Menschen, Verantwortung auf höhere Mächte oder das Schicksal zu schieben, anstatt selbst aktiv zu werden. Gleichzeitig zeigt er die menschliche Schwäche und Heuchelei auf, indem er einen Dieb als moralischen Richter auftreten lässt. Das Gedicht endet mit einer offenen Frage, ob Johann und Hanne Hans Steffen als Apfeldieb verraten haben, was die Ambivalenz menschlichen Verhaltens und die Komplexität moralischer Entscheidungen unterstreicht.

Schlüsselwörter

johann hanne steffen dämmerung garten hans kaum erwarten

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'schlich sich in ebendiesen Garten'.
Bildsprache
Die detaillierte Beschreibung der Szene im Garten schafft ein lebendiges Bild.
Doppeldeutigkeit
Der Ausdruck 'der über uns' hat sowohl eine wörtliche als auch eine metaphorische Bedeutung.
Dramatische Ironie
Der Leser weiß, dass Hans Steffen die Liebenden belauscht, während sie glauben, allein zu sein.
Hyperbel
Die Übertreibung in 'Kein einzger hat Gewissen' bezüglich der Männer.
Ironie
Der Ausdruck 'der über uns' wird ironisch verwendet, um auf Gott oder das Schicksal zu verweisen.
Kontrast
Der Kontrast zwischen der Unschuld des Apfeldiebstahls und der Leidenschaft der Liebenden.
Metapher
Die Liebe wird als 'Liebesglut' beschrieben, was eine starke Leidenschaft symbolisiert.
Personifikation
Die Dämmerung wird als etwas beschrieben, das 'erwarten' kann.
Rhetorische Frage
Johann fragt: 'Ich?, sprach Johann, die Zeit mag's lehren. Doch wird's auch nicht von mir ernährt: Der über uns wird schon ernähren; dem über uns vertrau.'