Der traurige Onkel

Joachim Ringelnatz

1883

Wundre dich nicht, wenn ich meine, Weil ein Mensch doch dann und wann Trotz des besten Willens seine Sorgen nicht verbergen kann.

Nimm aus meiner Schreibtischlade Den Revolver mir nicht fort, Auch das Gift nicht. Und verrate Niemandem davon ein Wort.

Und du selber sollst nicht weinen, Wenn du über mich was liest, Oder wenn du plötzlich meinen Hut im Wasser treiben siehst.

Frage nicht, warum ich heute Etwa etwas seltsam bin. Grüße bitte meine Leute. - Schau das Laub! - Es welkt dahin.

Bleibe glücklich und genieße Du das Leben im Erblühn. Wenn du Zeit hast, so begieße Manchmal dieses Immergrün.

Was für Absichten ich hege? Frage nicht. - Nimm diesen Kuss, Und dann geh ich jene Wege, Die ich einmal gehen muss.

Noch ein Küsschen auf das kleine Näschen. Noch eins auf den Mund. Ach was hast du süße Beine. - Zeig mal! - Und wie bist du rund!

Ach, mir darfst du das schon zeigen, Denn du bist doch schon so gut Wie erwachsen und kannst schweigen, Wenn dein Onkel etwas tut!?!

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Illustration zu Der traurige Onkel

Interpretation

Das Gedicht "Der traurige Onkel" von Joachim Ringelnatz ist ein düsteres und verstörendes Werk, das sich mit dem Thema Suizid und möglicherweise auch sexueller Gewalt an Kindern auseinandersetzt. Der Sprecher, vermutlich ein Onkel, spricht zu einem jungen Mädchen und bittet sie, seinen bevorstehenden Selbstmord nicht zu verhindern oder zu verraten. Er scheint das Mädchen zu manipulieren und zu sexualisieren, indem er ihr Komplimente macht und sie auffordert, sich vor ihm auszuziehen. Das Gedicht ist in einem zwiespältigen Ton gehalten, der zwischen zärtlicher Fürsorge und bedrohlicher Absicht schwankt. Der Onkel gibt vor, sich um das Mädchen zu sorgen und es zu beschützen, während er gleichzeitig seine eigenen destruktiven Pläne verfolgt. Er bittet das Mädchen, nicht zu weinen oder Fragen zu stellen, wenn sie über ihn in der Zeitung liest oder seinen Hut im Wasser treibt. Er bittet sie auch, seine Familie zu grüßen und sich auf das Leben zu freuen, während er selbst den Weg des Todes wählt. Das Gedicht endet mit einer verstörenden Szene, in der der Onkel das Mädchen auffordert, ihm ihre Beine zu zeigen und sich vor ihm auszuziehen. Er rechtfertigt sein Verhalten damit, dass das Mädchen schon fast erwachsen und in der Lage ist, über seine Taten zu schweigen. Das Gedicht wirft Fragen nach der Verantwortung von Erwachsenen gegenüber Kindern und der Verletzlichkeit von Kindern in einer Welt voller Gefahren auf. Es ist ein beklemmendes Werk, das den Leser zum Nachdenken über die dunklen Seiten der menschlichen Natur anregt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Wenn du plötzlich meinen Hut im Wasser treiben siehst.
Bildsprache
Schau das Laub! - Es welkt dahin.
Hyperbel
Und wie bist du rund!
Ironie
Nimm aus meiner Schreibtischlade Den Revolver mir nicht fort, Auch das Gift nicht.
Kontrast
Bleibe glücklich und genieße Du das Leben im Erblühn. Wenn du Zeit hast, so begieße Manchmal dieses Immergrün.
Metapher
Schau das Laub! - Es welkt dahin.
Personifikation
Und wie bist du rund!
Rhetorische Frage
Was für Absichten ich hege? Frage nicht.