Der traurige Lukas
Als Lukas bey der Flasche saß,
Da weint er laut bey jedem Glaß,
Das er sich eingeschenkt:
Sein Nachbar sah ihm lange zu,
Und rief zuletzt: was weinest du?
Mein, sag mir, Lukas, was dich kränkt?
Die Flasche, seufzt er, kränket mich!
Trink ich einmal, wie grämt sie sich!
Wie schrecklich nimmt sie ab!
Ach ja, rief Stax, itzt seh ichs ein!
Und half dem armen Lukas schreyn,
Wenn dieser ihm zu trinken gab.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der traurige Lukas“ von Christian Felix Weiße ist eine humorvolle und satirische Auseinandersetzung mit dem Thema der Trunksucht und der daraus resultierenden Selbstmitleid. Das Gedicht präsentiert die Figur des Lukas, der in seiner Traurigkeit Trost im Alkohol sucht, aber gleichzeitig unter der Abnahme seines Getränks leidet. Die Ironie liegt darin, dass Lukas nicht die Wirkung des Alkohols oder die Ursache seiner Misere, sondern die Flasche selbst für sein Unglück verantwortlich macht.
Die beiden Strophen des Gedichts führen uns in die Szene ein. Zuerst wird Lukas vorgestellt, der weinend an seinem Getränk nippt und sich dabei einsam fühlt. Der Dialog mit seinem Nachbarn Stax wird zum Kern des Gedichts. Stax, zunächst irritiert, stellt die entscheidende Frage nach dem Grund von Lukas‘ Tränen. Die Antwort „Die Flasche, seufzt er, kränket mich!“, offenbart die Absurdität und den Selbstbetrug des Lukas. Er projiziert seine eigenen Probleme und sein Leid auf die Flasche und gibt ihr die Schuld für seine Tristesse.
Die Ironie wird durch die Reaktion des Nachbarn Stax noch verstärkt. Statt Lukas zu ermahnen oder zu trösten, schließt sich Stax dem Weinen an, sobald er selbst Alkohol bekommt. Er versteht Lukas‘ Logik nicht, sondern stimmt in dessen Selbstmitleid ein. Dadurch wird die Lächerlichkeit der Situation auf die Spitze getrieben. Stax’s Reaktion verdeutlicht die Unfähigkeit, über das Leid hinauszuschauen, und verstärkt die Komik der Szene.
Weiße nutzt eine einfache, volksliedhafte Sprache, um die Geschichte zu erzählen. Die Reime und der lockere Rhythmus verstärken den humoristischen Effekt. Der Text verzichtet auf eine moralische Belehrung, sondern lässt die Absurdität der Situation für sich sprechen. Das Gedicht wirft Fragen über Selbstmitleid, die Neigung zur Selbsttäuschung und die Suche nach externen Schuldigen in Momenten des Unglücks auf. Es ist eine leichte, aber dennoch scharfsinnige Kritik an einem Verhalten, das so menschlich wie alltäglich ist.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.