Der Traum
1849Ein seltner Traum hielt magisch mich umfangen Und zauberte mir Wunderbilder vor. Des Haines Wipfel rauschten, und es drangen Die Sterne golden durch der Wolken Flor. Das Meer war still, und in den weiten Fluthen Verlohren sich der Abendröthe Gluthen.
Ich wandelte allein am öden Strande, Und tief im Busen regte sich mein Schmerz. Ich wünschte mich zurück in ferne Lande - Des Heimwehs Qualen füllten bang mein Herz. Den vollen Mond begrüssten meine Thränen, Denn mich ergriff ein allgewaltig Sehnen.
Da hob sich aus des Meeres dunkler Bläue Ein leichter Nebel neben mir empor, Und es erklang wie Geisterton der Weihe Melodisch eine Sprache meinem Ohr, Wie nimmer noch mein trunkner Sinn vernommen; Sie schien aus höhern Räumen herzukommen.
»Was seufzest Du mit bangen Klagetönen Um das verlassne, ferne Vaterland? Mit Deinem Loos Dich friedlich zu versöhnen, Hat mich das Schicksal tröstend Dir gesandt; So blicke denn mit kindlichem Vertrauen Zu jenen Sternenhöhen, die wir schauen.
Dort ist die Heimath, die, vom Wahn verblendet, Der Sterbliche sich schon auf Erden träumt. Erst wenn sein dumpfes Pflanzenleben endet, Und aus der Ahndung ihm Erfüllung keimt - Erst dann gewährt der weisen Vorsicht Hand In jenen Sphären ihm ein ächtes Vaterland.«
Wie Silberlaut′ aus Harfensaiten quellen, So drang die Stimme tief mir in die Brust, Und hob mich auf des Wohllauts goldnen Wellen Aus Bangigkeit zu neuer Lebenslust, Und frischen Muth - des Daseyns schönste Blüthe, Fühlt ich seitdem im ahnenden Gemüthe.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Traum" von Charlotte von Ahlefeld handelt von einem Traum, der den lyrischen Ich tief berührt und ihm eine neue Perspektive auf das Leben und die Heimat gibt. In diesem Traum wandert das Ich allein am Strand und sehnt sich nach fernen Ländern, während es von Heimweh geplagt wird. Die Natur um ihn herum wird poetisch beschrieben, mit rauschenden Baumwipfeln und goldenen Sternen, die durch die Wolken dringen. Ein mystischer Nebel erhebt sich aus dem Meer, und eine geisterhafte Stimme spricht zum lyrischen Ich. Diese Stimme tröstet das Ich und erklärt, dass das Schicksal es gesandt hat, um es zu versöhnen und ihm Frieden zu bringen. Die Stimme weist darauf hin, dass die wahre Heimat nicht auf der Erde zu finden ist, sondern in den höheren Sphären, die erst nach dem Tod erreicht werden können. Die Heimat wird als ein Ort der Erfüllung und des Friedens beschrieben, den der Mensch sich auf Erden nur träumen kann. Die Stimme im Traum wirkt wie ein Trostspender und erweckt im lyrischen Ich neue Lebenslust und Mut. Die Worte der Stimme dringen tief in die Seele des Ichs ein und verleihen ihm eine neue Perspektive auf das Leben. Seit diesem Traum fühlt das Ich im ahnenden Gemüt die schönste Blüte des Daseins, was darauf hindeutet, dass der Traum eine transformative Wirkung auf das Ich hatte und es in seiner Sichtweise auf das Leben und die Heimat verändert hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Fühlt ich seitdem im ahnenden Gemüthe
- Personifikation
- Und es erklang wie Geisterton der Weihe Melodisch eine Sprache meinem Ohr
- Vergleich
- Wie Silberlaut′ aus Harfensaiten quellen